Die Mumien, die bisher als Thutmosis I. (li) und II. (re) gelistet wurden.
Fotos: G. Elliot Smith 1912, Copyright expired

Die Mumien, die bisher als Thutmosis I. (li) und II. (re) gelistet wurden. Fotos: G. Elliot Smith 1912, Copyright expired

Das Who-is-who der Mumien: Thutmosis II.

Thutmosis II. war der vierte Pharao der 18. Dynastie. Selbst als Kind einer Nebenfrau geboren, heiratete er seine Halbschwester Hatschepsut, in deren Adern reines königliches Blut floss. Aufgrund des Aussehens seiner Mumie und der wenigen Zeugnisse seiner Regierung verbreitete sich die Vermutung, er sei ein Mann von schwächlicher Konstitution gewesen, der früh an einer Krankheit starb. In der Literatur wurde er häufig so dargestellt.
Ebenfalls vermuten viele, dass seine Große Königliche Gemahlin Hatschepsut die eigentliche Macht ausübte, da sie eine starke Frau war, die von sich selbst glaubte, dass ihr Vater Thutmosis I. sowieso lieber sie auf den Thron der beiden Länder gesetzt hätte, wenn sie denn nur ein Mann gewesen wäre. Eventuell also heiratete nicht er sie (wegen der Blutlinie), sondern sie ihn (wegen des Throns) – vermutlich aber hatten beide einen Vorteil von dieser Ehe.
Da nach dem Tod Thutmosis‘ II. der legitime Nachfolger Thutmosis III. noch ein Kind war, übernahm Königin Hatschepsut zunächst die Regentschaft, die sie dann für fast 20 Jahre behielt.

In einer neuen Studie tragen Wissenschaftler des Institus für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich Fakten aus früheren Untersuchungen an 11 Mumien aus der 18. Dynastie zusammen, um deren Identitäten zu überprüfen. Für den hier vorgestellten Thutmosis II. ist die Faktenlage nicht ganz schlüssig.

Die Mumie Thutmosis‘ II. hat die Bezeichnung CG 61066 (das CG steht für Catalogue Général, den Katalog des Ägyptischen Museums in Kairo). Sie wurde 1881 in der Cachette in Deir el-Bahari gefunden, einem Felsengrab (TT320) oberhalb von Hatschepsuts Terrassentempel. Dort fanden sich mehr als 40 Mumien von Mitgliedern der königlichen Familien und hoher Beamter aus der 17.-21. Dynastie, darunter auch einige bekannte Pharaonen des Neuen Reichs.

Das Grab TT320, die sogenannte Cachette von Deir el-Bahari. BIld: Luna92 bei Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Das Grab TT320, die sogenannte Cachette von Deir el-Bahari. BIld: Luna92 bei Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Erkenntnisse aus Makroskopie und Morphologie

Der französische Ägyptologe Gaston Maspero soll die Mumie Thutmosis‘ II. im Jahr 1886 ausgewickelt haben. Er stellte dabei fest, dass die Mumie durch antike Grabräuber schwer beschädigt worden war: Beide Arme umd das rechte Bein waren ganz oder teilweise vom Körper abgetrennt. Brust und Bauch zeigten Wunden, die wohl mit einer Art Hacke verursacht worden waren. All diese Verletzungen hatte die Mumie aber post mortem, also nicht zu Lebzeiten, erfahren.

Ebenfalls bemerkte Maspero eine starke Ähnlichkeit des Gesichts und Schädels mit der Mumie von Thutmosis I., dem vermeintlichen Vater (vgl. Titelbild). Schließlich stellte er noch fest, dass Thutmosis II. wohl kaum älter als 30 Jahre war, als er vermutlich einer Krankheit zum Opfer fiel, welche die Einbalsamierer nicht kaschieren konnten. Die Haut war an mehreren Stellen narbenübersät und schuppig, der Kopf im vorderen Teil bereits kahl. Der Körper wirkte schmal und eingefallen, als ob er keine Energie und Muskelkraft gehabt habe.

Regierungsdauer ist umstritten

Die Länge der Regierungszeit Tutmosis‘ II. ist umstritten. Manche Indizien stützen eine eher kurze (3-4 Jahre), andere eine längere (13-18 Jahre) Regierungszeit. Für eine eher kurze Regierungszeit spricht, dass er nur wenige Bauwerke und Monumente hinterließ und dass sein Name auch nur in wenigen Gräbern hoher Beamter aus dieser Zeit auftaucht. Ebenso ist die Anzahl der Skarabäen aus seiner Regierungszeit erheblich kleiner als die seiner Vorgänger oder Nachfolger.

Der Geschichtsschreiber Manetho allerdings gab die Länge der Regentschaft Thutmosis‘ II. mit 13 Jahren an. Dass er bereits in jungen Jahren als „Falke im Nest“ betitelt wurde, der traditionellen Bezeichnung eines Thronfolgers, und er andererseits alt genug wurde, um zwei Kinder in die Welt zu setzen, spricht auch eher für eine längere Regierungszeit. Daneben gibt es fragmentarische Inschriften eines 18. Regierungsjahres, die allerdings umstritten sind. Und kürzliche archäologische Funde im Karnaktempel erhöhen die Anzahl der Monument, die ihm zugesprochen werden können.

Schließlich ist da noch die Tatsache, dass Hatschepsut ihr eigenes Heb-sed – das sog. Sed-Fest, das ein Pharao in der Regel zu seinem 30-jährigen Regierungsjübiläum feierte – in ihrem 16. Regierungsjahr feierte. Jürgen von Beckerath vermutet, dass sie dies 30 Jahre nach dem Tod ihres Vaters Thtmosis I. tat, womit sie dann die Regierungsjahre ihres Mannes zu ihren eigenen gezählt hätte. Das spräche dafür, dass Thutmosis II. nach 14-jähriger Regierungszeit starb.

Todesalter 25-40 Jahre

Neuere CT-Scans belegen, dass die Zähne einen noch guten Zustand hatten, dass der Tote aber an einem vergrößerten Herzen litt. Aufgrund dieser Scans plädierte Zahi Hawass in einer Veröffentlichung 2007 dafür, dass der Tote wohl eher 40 Jahre alt gewesen sein müsse. Wente und Harris hatten sich 1992 noch für ein jüngeres Todesalter von 25-30 Jahren ausgesprochen.

Die Mumie lag in der Cachette nicht im Originalsarkophag, der wohl den antiken Plünderern zum Opfer gefallen war. Die Identifizierung erfolgte durch eine Beschriftung in den Mumienbinden, die nicht nur den Namen des Toten sondern auch das Datum der Neubandagierung der Mumie enthielt. Diese erfolgte im Jahr 6 der Regierung eines Königs der 21. Dynastie, vermutlich Smendes I.

Schreibfehler oder Verwechslung?

Bei dieser Prozedur der Wiedereinwicklung der Mumie hatte man auf den Namenslabeln nur den Thronnamen Thutmosis‘ II. verwendet und diesen auch noch unvollständig geschrieben. Statt Aa-kheper-en-Re hatte man nur Aa-en-Re geschrieben. Da aber kein anderer Pharao der Thutmosiden-Ära das „en“ im Namen führte, war man sich zunächst sicher, dass es sich hier um Thutmosis II. handeln müsse.

Die Kartusche Thutmosis' II. mit der eher ungewöhnlichen Schreibweise seines Thronnamens Aa-cheper-en-Re mit dem Zeichen der Roten Krone für "en". Inschrift auf einem Architrav im Karnaktempel.

Die Kartusche Thutmosis‘ II. mit der eher ungewöhnlichen Schreibweise seines Thronnamens Aa-cheper-en-Re mit dem Zeichen der Roten Krone für „en“. Inschrift auf einem Architrav im Karnaktempel.

Allerdings hatte bereits im frühen 20. Jahrhundert der französische Ägyptologe Georges Daressy festgestellt, dass hier das „en“ eher ungewöhnlich mit dem Zeichen der Roten Krone Unterägyptens geschrieben worden war, statt mit der gezackten Linie für Wasser, wie man es auf den meisten Inschriften dieses Namens, bspw. am Hatschepsuttempel, finden kann. Daressy glaubte auch zu erkennen, dass mit der Roten Krone ein anderes Zeichen überschrieben worden war – seiner Meinung nach das Zeichen für „Ka“. Aus dieser Information schlussfolgerten Wente und Harris 1992, dass die Inschrift ursprünglich den Namen Aa-kheper-ka-Re gezeigt haben könnte und es sich dann um die Mumie Thutmosis‘ I. handeln müsse. Auch die Länge der Regierungszeit von Thutmosis I., etwa eine Dekade, passe besser zum vermuteten Todesalter dieser Mumie, meinen manche Forscher.

Zweifel an der Mumie Thutmosis‘ I.

Wenn die Mumie CG 61066 also nicht Thutmosis II. sondern Thutmosis I. wäre, dann müsste logischerweise die Mumie CG 61065, die man bisher als Thutmosis I. ansah, auch jemand anderes sein. Auch diese Ansicht ist unter Ägyptologen weit verbreitet und wurde z.B. 2009 von Dylan Bickerstaffe veröffentlicht. Demnach könnte die Mumie, die bisher für Thutmosis I. gehalten wurde, eher ein unbekannter Prinz aus der Thutmosiden-Ära sein. Im Einklang mit den Kollegen Bickerstaffe und Hawass gehen auch die schweizer Wissenschaftler in dieser Studie davon aus, dass es sich bei der Mumie CG 61065 vermutlich nicht um Thutmosis I. handelt und führen sie daher als „unidentifizierte Mumie“.

Thutmosis II. aber wahrscheinlich richtig

Im Gegensatz dazu kommen sie bei der Mumie CG 61066 zu der Überzeugung, dass die Identifizierung als Thutmosis II. die wahrscheinlichste ist. Die oben aufgeführten Zweifel daran beruhen nur auf Indizien, die aber nicht als gesichert gelten können. So ist die Länge der Regierungszeit nicht abschließend geklärt – das Todesalter ebensowenig. Das Argument, die Länge der Regierungszeit Thutmosis‘ I. passe besser zum Alter der Mumie, steht also auf gleich zwei tönernen Füßen.

Und die von Georges Daressy geäußerten Zweifel an der Beschriftung der Mumie sind nicht mehr überprüfbar, da das Namenslabel heute kaum noch lesbar ist, wie uns Michael Habicht, einer der Autoren dieser Studie, auf unsere Nachfrage hin mitteilte. Die Schreibung des Namens mit der Roten Krone Unterägyptens ist jedenfalls nicht völlig ungewöhnlich (siehe Foto oben) und hing vielleicht eher davon ab, ob die Namenskartusche waagerecht oder senkrecht geschrieben wurde, ob man also ein hohes oder ein flaches Zeichen benötigte.

Namen auf Mumienbinden können aber als sehr sicheres Indiz für die Identifizierung gelten, da es dabei bislang keine nachgewiesenen Fehler gegeben hat. Nach Meinung der schweizer Wissenschaftler muss daher die Mumie CG 61066 trotz leichter Unsicherheiten weiterhin als Thutmosis II. geführt werden – zumindest so lange, bis ein stichhaltiger Gegenbeweis gefunden wird.


Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Alle Mumien wird man vielleicht nie identifizieren können. Aber es bleibt nach wie vor spannend. Vielleicht werden die wahren Identitäten irgendwann doch noch heraus gefunden. Es gibt ja neben den Thutmosis-Kandidaten ja noch einige weitere Mumien, deren Identität noch nicht klar sind. Ich bin gespannt.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.