Blick in Nefertaris Grab

Königin Nefertaris mumifizierte Beine identifiziert?

Es ist eines der schönsten Gräber des alten Ägypten: das Grab der Nefertari. Man mag sich gar nicht vorstellen, welch‘ wundervolle Schätze Ramses II. seiner Lieblingsgemahlin mit ins Grab gelegt hat, doch leider wurde das 520 qm große Grab im Tal der Königinnen schon in der Antike ausgeraubt. Die Grabräuber wüteten in dem Grab, zerschlugen den äußeren Sarkophag aus rosa Granit, um die inneren Särge zu entnehmen, zerfetzten die Mumie in tausend Stücke und warfen die Überreste achtlos auf den Boden. Neben vielen Bruchteilen von Keramik, Möbeln und Schmuck ließen die Grabräuber nur ein paar Sandalen und 34 schlechte erhaltene hölzerne Uschebtis mit dem Namen der großen königlichen Gemahlin zurück. Und zwei mumifizierte Knie! Gehörten sie Nefertari?

Die mumifizierten Beine aus QV 66, Nefertaris Grab. Bildquelle: Plos One, Ägyptisches Museum Turin.

Die mumifizierten Knie aus QV 66, Nefertaris Grab. Bildquelle: Plos One, Ägyptisches Museum Turin.

Mehrere Forscher, die den wissenschaftlichen Artikel in dem Journal PLOS ONE veröffentlicht haben, untersuchten nun zum ersten Mal diese mumifizierten Überreste. An kleinsten Haut-, Muskel- und Textilpartien (1x1cm) wendeten sie verschiedene wissenschaftlich Methoden an, wie chemische und DNA Analysen sowie die Radiocarbon-Methode.

Die drei Teile der Beine, die heute im ägyptischen Museum Turin liegen, sind noch immer in die Mumienbinden eingehüllt. Der längste ist 30cm lang und besteht aus einem Teil des Oberschenkels, der Patella (Kniescheibe) und einem Teil des Schienbeins. Die beiden anderen Teile sind Schienbein- und Oberschenkelknochen des anderen Knies. Die Ähnlichkeit aller drei Teile spricht sehr dafür, dass diese zur selben Person gehörten, auch wenn es dafür letztlich keinen sicheren Beweis gibt.

Eine Person zwischen 40 und 60 Jahren mit leichter Athritis

Röntgenbild der beiden Knie aus QV 66. Institut für Evolutionäre Medizin, Universität Zürich

Röntgenbild der beiden Beine aus QV 66. Bildquelle: Plos One, Institut für Evolutionäre Medizin, Universität Zürich,

In einem ersten Schritt wurden die Beinfragmente in ihrer Vitrine im Museum digital geröntgt. Die Röntgenbilder zeigen mehrere Frakturen, die vermutlich aber alle erst bei der Grabplünderung entstanden. Ansonsten sind keine Zeichen einer größeren Verletzung oder Krankheit zu erkennen, im linken Knie gibt es aber Anzeichen einer leichten Arthritis. Die Wachstumsfugen sind geschlossen und es sind leichte Kalkablagerungen in den Schienbeinarterien vorhanden. Dies weist auf eine ältere Person hin, die vermutlich zwischen ihrem 40. und 60. Lebensjahr starb. Das würde zu Nefertari passen, die wahrscheinlich im 25. Regierungsjahr ihres Mannes starb, als sie etwa 40-50 Jahre alt war.

Nur minimale Abnutzungserscheinungen beweisen, dass diese Person keine körperlich schwere Arbeit leisten musste; eine leichte Verdickung der Knochenrinde könnte durch einen Vitamin-D-Mangel begründet sein und bedeuten, dass diese Person nur selten der Sonne ausgesetzt war. Auch dies würde zum Leben einer Königin passen.

Eine Frau, die auf großem Fuße lebte

Aus anthropometrischer Sicht kann man mit 90%-iger Sicherheit sagen, dass die Beine einer Frau gehörten. Ihre Größe schätzen die Forscher auf 165cm, womit diese Dame deutlich größer war als der Durchschnitt ihrer Zeitgenossinnen (Neues Reich 156cm, 3. Zwischenzeit 158cm). Dies passt auch zu den im Grab gefundenen Sandalen, die 29cm lang und 10cm breit sind. Sie entsprechen damit der der heutigen Schuhgröße 39-40, was in damaliger Zeit ebenfalls überdurchschnittlich gewesen sein muss. Die Sandalen wurden tatsächlich getragen, so dass Abnutzungserscheinungen an den Fersen und dem großen Zeh zu sehen sind. Diese bestätigen ebenfalls eine Körpergröße von ca. 165cm.

Die Sandalen aus dem Grab der Nefertari. Bildquelle: PLOS One, Ägyptisches Museum Turin.

Die Sandalen aus dem Grab der Nefertari. Bildquelle: Plos One, Ägyptisches Museum Turin.

Die chemische Analyse der Einbalsamierungssubstanzen bestätigt, dass es sich um ein Begräbnis im Stile des Neuen Reiches handelt. Insbesondere Bitumen und andere Harze, die ab der Dritten Zwischenzeit verwendet wurden, konnten hier nicht nachgewiesen werden. Die Umstände der Einbalsamierung, z.B. das Fehlen eines Natronbades oder die Verwendung eines bestimmten tierischen Fettes, vermutlich von einem Wiederkäuer, sind typisch für eine Bestattung der 19. und 20. Dynastie und würden somit zu Nefertari passen.

Versuch macht klug? Leider nicht immer!

Die DNA-Analyse zeigte leider, dass es mindestens zwei Kontaminationsereignisse gab, denn es wurden verschiedene Genmaterialien gefunden. So kann man leider nicht einmal das Geschlecht zweifelsfrei angeben. Die aus Knochen und Gewebe entnommenen Proben sind auch für weitere DNA-Analysen leider nicht tauglich.

Genauere Daten lieferte dagegen die Radiocarbon-Untersuchung. Beide Beine stammen aus derselben Zeit, die innerhalb der Zeitspanne von ca. 1607-1450 v.Chr. liegt. Nefertari lebte allerdings etwa 200 Jahre später als das Ende dieser Zeitperiode. Die Forscher erklären dies damit, dass die Ingredienzen der Einbalsamierungssubstanzen aus einer früheren Zeit stammen könnten. Ebenso könnten Sedimenteinlagerungen dafür verantwortlich sein. Außerdem verweisen die Autoren der Studie darauf, dass es Unterschiede zwischen dem Alter aus Radiocarbondatierungen und dem ägyptischen Kalender bereits bei anderen Proben gegeben habe. Stets habe die RC-Datierung zu älteren Ergebnissen geführt. Dies sei hier also nicht ungewöhnlich.

Stammen die Überreste ursprünglich aus dem Grab Nefertaris?

Vor den Untersuchungen gab es immer wieder Diskussionen darüber, wem die menschlichen Überreste aus dem Grab zugeordnet werden könnten. Könnte es nicht sein, dass zusammen mit Nefertari auch andere Personen in ihrem Grab bestattet wurden?

Nefertaris Töchter?

Neben Nefertari könnten noch ihre Töchter neben ihr bestattet worden sein und die Überreste könnten von denen stammen. Neben Merytamun in QV68 (ihr wiederhergestellter zerbrochener Sarkophag steht in Berlin) und Nebettaui in QV60 wurde kein Grab ihrer anderen Töchter gefunden. Es könnten also ihre Töchter Baketmut oder/und Henuttaui neben ihr begraben worden sein, doch fehlen für diese Annahme jede archäologischen Beweise.

Eine spätere Bestattung?

Üblich war es auch, dass die Gräber in späteren Zeiten für weitere Bestattungen verwendet wurden. Allerdings gab es im Grab keine Anzeichen für eine spätere Bestattung. Und auch die RC-Datierung spricht ja gegen ein noch späteres Alter der mumifizierten Beine.

Rätsel um Ejes Knauf und schlechte Uschebtis

Der Knauf mit Ejes Thronnamen. Bildquelle: Plos One, Ägyptisches Museum Turin

Der Knauf mit Ejes Thronnamen. Bildquelle: Plos One, Ägyptisches Museum Turin

Zu den Diskussionen über Nefertaris Grab gehörten auch mehrere seltsame Gegenstände, die eigentlich so gar nicht zu Nefertari passen wollen. Da wären einmal die schlechte Qualität der Uschebtis, die so unpassend für die Bestattung der Lieblingsgemahlin von Ramses II. erscheinen. Und ausgerechnet von Pharao Eje, dem direkten Nachfolger Tutanchamuns, wurde ein Knauf mit seinem Namen gefunden. Vielleicht war die Gemahlin Ramses‘ II. eine direkte Nachfahrin des Mannes, der allgemein auch als Vater von Nofretete vermutet wird? Eine Kolossalstatue von Nefertaris Tochter Meritamun, die in Achmim gefunden wurde, könnte diese Vermutung stützen, denn Eje stammte aus Achmim. Ein schlüssiger Beweis ist das allerdings nicht.

Wäre es also vielleicht sogar möglich, dass durch Regenfälle oder Schlammlawinen fremde Mumienteile und Grabbeigaben in das Grab gespült worden sind?

Fremde Grabgegenstände/Mumienteile im Grab?

Zumindest würde die Vermutung auch im Einklang mit der Radiocarbon-Methode stehen, nach der die Überreste aus der Zeit der 17. oder 18. Dynastie, und somit viel früher als Nefertaris Lebenszeit (19. Dyn) stammen. Nefertari war wahrscheinlich ungefähr im gleichen Alter wie Ramses, der um 1303 v. Chr. geboren ist. Für die Annahme, dass durch eine Überflutung fremde Grabgegenstände in das Grab gelangt sein könnten, gibt es allerdings keine weiteren archäologischen Befunde und außerdem spricht auch die Lage des Grabes dagegen. Das Grab Nefertaris liegt höher als die Gräber der 17. und 18. Dynastie, die zumeist am Grund des Tals angelegt waren. Es scheint recht unwahrscheinlich, dass Schlammlawinen und starke Regenfälle Überreste aus tiefergelegenen Bestattungen in die Höhe des Grabes am Ende des Tals gespült haben könnten. Die Forscher bleiben dabei, dass die RC-Methode hier keine sicheren Ergebnisse liefern kann.

Also doch Nefertari

Auch wenn wegen der früheren Datierung mit der Radiocarbon-Methode noch ein paar Restzweifel bleiben, spricht vieles dafür, dass die Forscher die letzten Überreste der großen königlichen Gemahlin Nefertari untersucht haben.

 

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