In der vergangenen Grabungssaison hat das deutsch-ägyptische Team des Antikenministeriums und der Uni Tübingen erneut ca. 13.000 Ostraka in Athribis entdeckt. Die Tonscherben sind mit Texten in unterschiedlichen Sprachen beschriftet.
Laut Markus Müller, dem Grabungsleiter vor Ort, dokumentieren die Inschriften eine breite Sammlung von Lebensbereichen, darunter sind Steuerzahlungen, Bestellungen von Waren, Kundenkonten, Verwaltungslisten, bis hin zu Schreibübungen von Schülern. Auch einige Texte mit religiösem Bezug wurden gefunden: Hymnen, Gebete und Aufzeichnungen der Tempelaktivitäten.
Wie die Ahram Online berichtet, sind die meisten Ostraka, nämlich ca. 60-75%, in Demotisch beschriftet, 15-30% dagegen in Griechisch. Kleinere Anteile, um oder unter 1%, zeigen Texte in hieratischer Schrift sowie in Hieroglyphen, in Koptisch oder Arabisch. Einige ganz wenige tragen auch Zeichnungen oder geometrische Muster.
Archäologischer Weltrekord
Bereits 2021 war eine ähnlich hohe Anzahl an Ostraka auf einem sogenannten Scherbenfriedhof gefunden worden (wir berichteten). Mit diesem erneuten Riesenfund ist die Anzahl der in Athribis gefundenen Ostraka nun auf 43.000 gestiegen. Athribis übertrifft damit den bislang ergiebigsten Fundort für Ostraka: Deir el-Medina, das Dorf der Handwerker für die Gräber im Tal der Könige. In einer Pressemitteilung feiert die Eberhard Karls Universität Tübingen daher diesen „archäologischen Rekord“: An keinem Ort der Welt wurden mehr beschriftete Tonscherben gefunden.
Laut Prof. Dr. Christian Leitz, Missionsdirektor auf deutscher Seite, decken die gefundenen Ostraka eine Zeitspanne von mehr als 1000 Jahren ab. Die frühesten sind Steueraufzeichnungen aus dem 3. Jh. v.Chr. in demotischer Schrift, die spätesten sind Beschriftungen von Tongefäßen aus dem 9.-11. Jh. n.Chr. in arabischen Schriftzeichen.

„Die Ostraka zeigen uns eine erstaunliche Vielfalt an Alltagssituationen“, sagt Leitz. „Wir finden Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülerinnen und Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren. Diese Mischung macht den Fund so wertvoll“, schreibt er in der Pressemitteilung.
Außergewöhnlich ist auch der Fund von inzwischen 130 überwiegend demotisch-hieratischen Horoskopen. Diese Geburtsprognosen ermöglichen neue Erkenntnisse über die antike Astronomie und Astrologie. Athribis ist damit der weltweit bedeutendste Fundort für solche Texte.
42.000 Ostraka in den letzten acht Jahren

Erst 2024 hatte das Grabungsteam westlich des Tempels von Ptolemaios XII. den Pylon eines weiteren Tempels ausgegraben (wir berichteten). In dessen Nähe hatte man schon 2018 eine keramikreiche Deponie entdeckt, die zu einer Siedlung gehörte, die seitdem ebenfalls ausgegraben wird. Hier fand das Team auf einer ca. 40 × 40 m großen Fläche in den letzten drei Jahren dann über 40.000 Ostraka, manchmal 100 Stück am Tag. Und Prof. Leitz geht davon aus, dass man dort noch viel mehr finden wird. „Die hohe und steigende Zahl der Objekte ist erfreulich, stellt uns aber auch vor Herausforderungen“, sagt er, denn die Digitalisierung erfordere viel Personal, spezielle technische Geräte und eine hohe Rechenleistung.

Wie in vielen Bereichen, könnten KI-Systeme auch hier die Arbeitsprozesse beschleunigen, meint Leitz, aber „der Aufwand, ein System entsprechend zu trainieren und zu unterhalten wäre allerdings hoch, wenn auch nicht ohne Reiz“.
Laut der Ahram Online hilft bei der Analyse der Ostraka seit 2018 auch das internationale Forschungsprojekt „Ostraca d’Athribis“, das von Dr. Sandra Lippert in Paris geleitet wird.
Das seit 2003 existierende deutsch-ägyptische Grabungsprojekt wird natürlich weitergeführt, da es um den großen Tempel des Ptolemaios XII. anscheinend noch viel auszugraben und zu finden gibt.



