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Waffen in Prinzessinnengräbern – nur Symbolik oder echte Kampfgeräte?

Eine neue Studie legt nahe, dass Prinzessinnen des ausgehenden Mittleren Reichs und der zweiten Zwischenzeit den Umgang mit Waffen zu Lebzeiten durchaus trainiert hatten. Bekannte Grabbeigaben, wie Pfeile und Dolche, könnten den königlichen Frauen also nicht einfach nur aus rituellen oder symbolischen Gründen mit ins Grab gegeben worden sein, sondern weil sie den Umgang damit wirklich gewohnt waren.

Ein Team von Forschenden unter der Leitung von Dr. Zeinab Hashesh von der Universität in Beni Suef hat Skelette aus verschiedenen Gräbern der Nekropole von Dahschur untersucht, die seit über 100 Jahren im Keller des Ägyptischen Museums am Tahrirplatz in Kairo gelagert sind. Dabei fanden sie heraus, dass knöcherne Veränderungen darauf hinweisen, dass auch Prinzessinnen harten Trainingsbelastungen ausgesetzt waren.

Jacques de Morgan, 1891. Gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Untersucht wurden Skelettfunde aus einer Grabung, die der französische Ägyptologe Jacques de Morgan 1894/95 in Dahschur bei den Pyramidenkomplexen von Amenemhat II. und III. (12. Dyn, ca. 1850 v.Chr.) durchgeführt hatte. De Morgan war zu dieser Zeit Generaldirektor des ägyptischen Antikendienstes. Er fand mehrere, direkt neben den Pyramiden liegende Schachtgräber, die einem König und mehreren Prinzessinnen gehörten und die er z.T. noch unberührt vorfand.

Eines der Schachtgräber gehörte Pharao Hor, der in der 13. Dynastie, also während der Wirren der zweiten Zwischenzeit, König war. Sein Grab, für das er im Pyramidenkomplex seines erfolgreichen Vorgängers Amenemhat III. einen Platz gefunden hatte, war allerdings schon in der Antike beraubt worden. Die Gräber von vier Prinzessinnen – Töchter des Amenemhat II. – hatte de Morgan neben dessen Pyramide dagegen noch intakt und unberaubt vorgefunden.
Lediglich die Skelette von König Hor und der bei ihm gefundenen Prinzessin Noub-Hotep waren nach dem Fund von einem Anatomen untersucht worden. Die im Museumskeller gelagerten Knochen der vier Töchter Amenemhats II. wurden nun, 130 Jahre nach ihrer Entdeckung, aber erstmals wissenschaftlich untersucht.

Plan der Nekropole von Dahschur mit dem Pyramidenkomplex von Amenemhat II (B) und III (C) und den Gräbern der vier Prinzessinnen (B1+2) sowie von König Hor und Nub-Hotep (C3+4). Aus: Hashesh Z., et al.: »Bioarchaeological reassessment of Dahshur royal skeletal remains from the Late Middle Kingdom«, (full citation below text)

Dabei fanden sich bei allen sechs untersuchten Skeletten Spuren von dauerhafter körperlicher Belastung und wiederholten Bewegungen, die bestimmte Muskeln und Sehnen stark forderten. Ebenfalls wurden Verletzungen festgestellt, die auch bei den königlichen Frauen auf wiederholte Kämpfe oder ein Kampftraining hinweisen. Auch die Grabbeigaben der Prinzessinnen deuten dies an; ihnen wurden Bögen, Pfeile, Streitkolben, Kampfstöcke und Dolche mit ins Grab gegeben. Besonders bekannt ist der Dolch der Prinzessin Ita, der im Ägyptischen Museum Kairo zu bewundern ist (siehe Titelbild). Als Prunkdolch hatte er sicher eher eine repräsentative Funktion und war nicht zum Kämpfen da. Aber Grabbeigaben hatten den Sinn und Zweck, dass die Verstorbenen im Jenseit dann alles hatten, was sie für das ewige Leben benötigten. Und warum hätte man einer Prinzessin ein solches Kampfgerät mitgegeben, wenn sie im Jenseits damit nicht hätte umgehen können? Sie war den Umgang mit dieser Waffe also vermutlich gewohnt.

Die Skelette der Prinzessinnen (A) Ita (B) Khenmet (C) Itaweret und (D) Individual 408 vermutlich Sathathormeryt. Aus: Hashesh Z, et al.: »Bioarchaeological reassessment of Dahshur royal skeletal remains from the Late Middle Kingdom«, (full citation below text)

Die osteologischen Untersuchungen des Forschungsteams zeigen, dass die Prinzessinnen Khenmet und Itaweret vergrößerte Sehnenansätze am Unterarm hatten, wie sie bei Bogenschützen auftreten, die häufig mit aller Kraft den Bogen spannen müssen. Die Prinzessinnen Ita und Itaweret hatten vergrößerte Costoclavicularbänder, die hauptsächlich für die Stabilisierung der Schulter-Rumpf-Verbindung verantwortlich sind, was bei kraftvollen Arbeiten mit den Armen wichtig ist. Außerdem müssen bei Itaweret auch die Brust und Schultermuskeln stark trainiert gewesen sein, zeigen die Ansatzpunkte der entsprechenden Sehnen an den Knochen. Und Itas Unterarmknochen zeigen, dass sie häufig fest zugegriffen hat, wie es beim Führen eines Dolchs oder Streitkolbens nötig ist.

Pathologische und enthetische Veränderungen der Knochen von Prinzessin Nub-Hotep, 12. Dyn., Dahschur. Aus: Hashesh Z, et al.: »Bioarchaeological reassessment of Dahshur royal skeletal remains from the Late Middle Kingdom«. (full citation below text)

Prinzessin Nub-Hotep hatte besonders am rechten Arm und der rechten Hand ausgeprägte Muskeln, welche die Hand nach unten drehen (Pronation) oder die Finger beugen (Bild E). Außerdem war der zweite Mittelhandknochen deutlich gebogen (Bild F), was das Forscherteam als biomechanische Folge von wiederholten, intensiven Greifaktivitäten interpretieren, wie man sie bspw. braucht, um einen gespannten Bogen ruhig zu halten. Auch der auffallende Ansatz ihres Fingerbeugemuskels, der für die Griffkraft verantwortlich ist, zeigt dies. Dass ihr Pfeile mit ins Grab gegeben wurden, verwundert die Forschenden deshalb nicht.

Gut verheilte Verletzungen zeigen, dass die Frauen auch körperlich aktiv waren. Bei Prinzessin Itaweret konnte ein ausgeheilter Rippenbruch festgestellt werden, der durch einen Sturz oder einen harten Schlag auf den Oberkörper verursacht worden sein muss. Außerdem hatte sie Ermüdungsbrüche ihrer Mittelfußknochen erlitten. Bei Prinzessin Nub-Hotep wurde eine belastungsbedingte Läsion der Gelenkfläche eines Brustwirbels festgestellt, der auch einen verheilten Bruch im Wirbelkörper zeigt (Bild A).

Eines der herausragenden Ergebnisse dieser Forschungsarbeit ist der enge Zusammenhang zwischen Skelettmarkern für bestimmte körperliche Belastungen und den Grabbeigaben, deren Benutzung genau solche Anstrengungen auch erfordern würde. Ausgeprägte knöcherne Sehnenansätze an den Armen weisen auf wiederholte, hochintensive Bewegungen hin, wie sie beim Benutzen von Waffen oder beim Bogenschießen nötig sind. Da es sich hier um königliche Damen handelte, kann ausgeschlossen werden, dass Mangelernährung oder harte körperliche Arbeit zu den Skelettveränderungen führten. Und da sich einige dieser Veränderungen bei mehreren Prinzessinnen gleichermaßen zeigen, könnte es sich um eine Art Trainingsprogramm gehandelt haben, welches den Prinzessinnen bestimmte Kampftechniken und -fertigkeiten vermitteln sollte. Verheilte Verletzungen zeigen deutlich, dass diese Aktivitäten keine leichten Damenfreizeitvergnügungen waren, sondern so ernst genommen wurden, dass dabei auch Gelenkverletzungen und sogar Brüche entstanden. Dass diese Verletzungen alle gut verheilt waren, spricht natürlich auch für die gute ärztliche Versorgung am königlichen Hofe.

In jedem Fall muss die Interpretation von Waffen als Grabbeigaben in Frauengräbern, denen man bislang eine rein symbolische Bedeutung zumaß, im Lichte dieser Untersuchungsergebnisse überdacht werden.


Die Informationen und drei der Abbildungen stammen aus:

Hashesh Z, Gabr A and Walker R (2026) »Bioarchaeological reassessment of Dahshur royal skeletal remains from the Late Middle Kingdom (c. 1850–1700 BCE)«. In: Frontiers in Environmental Archaeology, Vol. 5:1844402. doi: 10.3389/fearc.2026.1844402

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