Der Hofbeamte Seneb mit Familie. Ägyptisches Museum Kairo. Foto: Jon Bodsworth, lizenzfrei

Kleinwüchsige waren im alten Ägypten angesehen

Dass es im alten Ägypten kleinwüchsige Menschen gab, ist bekannt. Sie sind in Texten erwähnt und von Künstlern dargestellt worden; und mumifizierte Überreste wurden ebenfalls gefunden. Für den speziellen Fall der proportionierten Kleinwüchsigkeit, bei der die Körperproportionen stimmen, aber der gesamte Körper deutlich unter der Normgröße liegt, gab es aber bisher kaum dokumentierte Fälle. Drei Fälle aus dem Alten Reich wurden auf diese spezielle Art der Kleinwüchsigkeit hin nur mangelhaft untersucht, so dass nur der Fall einer etwa 30-jährigen Frau aus der Oase Dachla als sicherer proportionierter Kleinwuchs angesehen werden kann. Nun hat ein Team von Wissenschaftlern der Universitäten Basel und Zürich die Überreste zweier Kindermumien aus dem Grab KV40 untersucht, und kann damit zwei weitere Fälle dieser Wachstumsabnormität beisteuern.

KV40 ist die Abkürzung für das Grab Nr. 40 im Kings Valley (Tal der Könige). Es war bereits im Jahr 1899 von Victor Loret entdeckt worden, der seine Ergebnisse aber nie publiziert hatte. Danach hatte es zugeschüttet auf weitere Erforschung gewartet. Seit 2011 wird es nun von Schweizer Wissenschaftlern der Universität Basel untersucht, die gleich zu Beginn ihrer Arbeiten direkt neben KV40 ein weiteres Grab entdeckten: das bislang letzte im Tal der Könige gefundene Grab, nämlich KV64.
In KV40 waren zunächst im Neuen Reich Mitglieder der Königsfamilie um Amenhotep III (18. Dyn.) begraben worden, es wurde aber ca. 500 Jahre später auch von Priesterfamilien aus der 22.-25. Dynastie als Grabstätte benutzt. Insgesamt konnten die Schweizer Forscher in diesem Grab schon mehr als 80 mumifizierte Leichname identifizieren.

Arbeiten der Uni Basel am Grab KV40 im Januar 2019

Bei den nun untersuchten Mumienteilen handelt es sich um den Torso plus linken Arm und rechtes Bein eines etwa 7-jährigen Kindes und um einen Oberschenkel- und einen Unterschenkelknochen eines ungefähr 12-jährigen Kindes. Die anthropometrische Auswertung ebenso wie Röntgenuntersuchungen zeigen, dass beide Kinder deutlich kleinere Staturen hatten, als man dies bei Kinder dieser Altergruppe erwarten kann. Insbesondere das jüngere Kind war wohl etwa 40cm kleiner als vergleichbare, gesunde 7-9-jährige Kinder. In beiden Fällen handelte es sich um proportionierten Kleinwuchs, bei dem alle Körperteile gleichmäßig kleiner sind, schreiben die Forscher im medizinischen Fachblatt »The Lancet Diabetes & Endocrinology«.

Wie bereits eingangs erwähnt, finden sich viele Beweise für Kleinwüchsige im alten Ägypten. So ließ der Beamte Harchuf, der mehrere Expeditionen in südliche Länder durchführte, auf der Fassade seines Grabes in Qubbet el-Hawa neben Berichten über seine vier Expeditionen auch einen Brief des Königs Pepi II (6. Dyn.) eingravieren, in welchem der König seine Vorfreude ausdrückt, dass Harchuf einen Tanzzwerg mitbringen würde. Harchuf sollte sich beeilen und Sorge dafür tragen, dass der Zwerg bloß nicht ins Wasser fällt.

Grabfassade des Harchuf mit Berichten über seine Expeditionen, Qubbet el-Hawa

Doch Kleinwüchsige waren nicht nur zur Belustigung der Hofgesellschaft da sondern lebten auch normal unter den Ägyptern und konnten sogar hohen sozialen Status erreichen. Das sieht man am Hofbeamten Seneb aus dem Alten Reich, in dessen Mastabagrab in Gizeh die wunderschöne Statuengruppe seiner Familie gefunden wurde, die heute im Ägyptischen Museum Kairo steht (Titelbild). Darauf zu sehen ist neben Seneb seine Ehefrau Senetites und zwei seiner drei Kinder, die genau an der Stelle stehen, wo bei einer „normalen“ Sitzstatue die Beine des Dargestellten wären. Hier handelt es sich also um einen klaren Fall von dysproportioniertem Kleinwuchs, denn Senebs Oberkörper hatte Normalmaß, während Arme und Beine verkürzt waren. Leider war der Sarkophag bei der Entdeckung des Grabes im Jahr 1927 bereits zerstört und Senebs Körper blieb nicht erhalten.

Da es viele Belege für Kleinwüchsige aus dem alten Reich, aber nur wenige aus späteren Epochen gab, vermutete man bisher, dass das Ansehen von Kleinwüchsigen später vielleicht abgenommen habe. Aber die beiden hier untersuchten Fälle von kleinwüchsigen Kindern zeigen, dass diese einen hohen Status gehabt haben müssen, denn sie wurden entweder mit Mitgliedern des Königshauses oder mit reichen Priesterfamilien bestattet – je nachdem, ob ihre Überreste ins Neue Reich oder in die 3. Zwischenzeit datiert werden können, denn das Grab wurde ja in diesen beiden Epochen benutzt. Diese Datierung sowie weitere DNA-Untersuchungen stehen aber noch aus und können vermutlich mehr Licht in das Leben dieser beiden Kinder bringen.

Das könnte Dich auch interessieren

2 Kommentar(e)

Einen Kommentar schreiben
  • Uta Wolfenstādter

    Alles ok.

  • proxima

    das in der bronzezeit menschen die vom normwuchs abwichen als etwas besonderes oder sogar als gesegnet galten ist ein weiteres beispiel warum ich die bronzezeit als das goldene zeitalter der menschheit ansehe.

    desto weiter man in die gegenwart voranschreitet desto mehr werden aus diesen menschen körperlich und geistig behinderte.

Kommentar schreibenBitte sei höflich. Wir wissen das zu schätzen

Dein Kommentar

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Zustimmung zur Datenspeicherung lt. DSGVO