In der Nord- und Westwand soll es laut Reeves geheime Durchgänge geben. Faksimile von Tuts Grab

Welche Mumie könnte noch im Grab Tutanchamuns liegen?

Während im Moment alle Welt nach Ägypten schaut und sehnsüchtig auf die ersten Untersuchungsergebnisse aus Tutanchamuns Grab wartet, diskutiert die Fachwelt darüber, welche berühmte Persönlichkeit in Tutanchamuns Grab bestattet worden sein könnte – natürlich immer vorausgesetzt, dass sich hinter Tuts Grabkammer überhaupt unentdeckte Räume befinden.

Während Nicholas Reeves überzeugt ist, dass Nofretete das Grab KV62 bauen ließ und Tutanchamun nach seinem plötzlichen Tod hastig in den Anfangsbereich ihres Grabes bestattet wurde, gibt es auch Verfechter anderer Theorien. Die Forscher Michael E. Habicht, Francesco M. Galassi, Wolfgang Wettengel und Frank J. Rühli haben in der academia.edu einen Beitrag veröffentlicht, den ich euch hier mal zusammenfassen möchte.


Wer vermutlich nicht im Grab liegt

Es gibt einige Individuen, die wahrscheinlich ausgeschlossen werden können, da sie von von ihrem Todeszeitpunkt her nicht in KV62 begraben sein können.

Echnaton

Echnaton starb schon einige Jahre zuvor und wurde im Grab TA 26 in Achetaton in Amarna beigesetzt und könnte später nach KV55 umgebettet worden sein.

Einige von Echnatons Töchtern

Einige seiner Töchter, wie Nefer-Neferu-Re, Setep-en-Re und Maketaton starben schon im 12. Regierungsjahr Echnatons und wurden ebenfalls in TA26 begraben. Eine andere Tochter, Anchesenamun, überlebte Tutanchamun, womit sie ebenfalls auszuschließen wäre.

Wer vielleicht im Grab liegen könnte

Pharao Semenchkare

Während Reeves überzeugt davon ist, dass Nofretete und Semenchkare ein und dieselbe Person sind, ist diese These in der Fachwelt heftig umstritten. Wenn eine männliche Mumie gefunden wird, und diese durch DNA-Tests als Bruder Echnatons und/oder Sohn Amenophis‘ III. identifiziert werden könnte, dann wäre das ein Indiz für Semenchkare.

Königin Nofretete als Semenchkare

Nofretete müsste zu ihrem Todeszeitpunkt in etwa zwischen 30-35 Jahre alt gewesen sein. Als Pharao Semenchkare könnte sie in Achetaton bestattet und später in das Grab KV62 überführt worden sein.

An ein solches Szenario glaubt Reeves. Die oben genannten Forscher dagegen glauben, dass Nofretete die „Younger Lady“ aus dem Grab KV35 ist. Aber wenn die „Younger Lady“ Nofretete ist, kann sie entsprechend nicht mehr in KV62 liegen.

Untersuchungen von Mark Gabolde wollen dies anhand einer Inschrift aus dem Regierungsjahr 14 nachweisen, die im Königsgrab von Amarna entdeckt wurde. Neben einer Amme, die ein Kind säugt, befindet sich eine teilweise nicht mehr lesbare Inschrift. Gabolde versuchte diese zu rekonstruieren und stellte dabei fest, dass nur Tutanchaton in die Lücken passen könnte. Auch hier eine umstrittene These, die viellleicht mit der Entdeckung einer Mumie in KV62 belegt oder widerlegt werden könnte.

Königin Meritaton

Die älteste Tocher von Echnaton und Nofretete wäre die Schwester oder Halbschwester Tutanchamuns mit einem geschätzten Todesalter von ca. 20-25 Jahren. Sie könnte als Regentin für den zu jungen Tut fungiert haben. Ihr Grab ist bisher unbekannt, doch Gegenstände von ihr lagen in Tuts Grabschatz. Jede weibliche Mumie in KV62 müsste genetisch getestet werden, um festzustellen, ob sie eine Tochter der Mumie aus KV55 (Echnaton) ist.

Kija

Ob sie Tuts Mutter ist, wird kontrovers diskutiert. Ihr Name verschwindet im 12. Jahr von Echnatons Regierung und sie könnte in das Grab KV62 gebracht worden sein. Ihre beschrifteten Kanopen wurden vermutlich beim Begräbnis der männlichen Mumie aus KV55 wiederbenutzt, doch ihre Mumie konnte bisher noch nicht identifiziert werden. Jede weibliche Mumie aus KV62 müsste genetisch mit dem Kanopeninhalt verglichen werden, wenn man Kija identifizieren wollte (oder mit der Mumie aus KV55)

Schlussfolgerung

Nur Original-Inschriften auf den Grabbeigaben könnten eine eindeutige Identifizierung einer möglichen Mumie erlauben. Ohne Inschriften könnte man durch entsprechende Scans zumindest Geschlecht und Todesalter herausfinden. Aber erst DNA-Analysen – sofern sie ethisch vertretbar und wissenschaftlich belastbar wären – und Vergleiche mit anderen Mumien aus Tutanchamuns Familie, oder auch mit dem Inhalt von Kijas Kanopen, könnten Beweise für eine der o.g. genannten Personen liefern.

Ohne solche harten Beweise bleibt viel Raum für Spekulation. Die Spekulation der Forscher des academia-Artikels lautet so: Eine männliche Mumie wäre wahrscheinlich Semenchkare, eine weibliche Meritaton.

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