Die jüngere Dame aus dem Grab KV35. Bild aus G.E.Smith: The Royal Mummies, Kairo 1912, Copyright expired.

Das Who-is-who der Mumien: die jüngere Dame aus KV35

Die Mumie der sogenannten „jüngeren Dame“ trägt die Bezeichnung CG 61072 im Catalogue Général des Kairoer Museums. Sie wurde im März 1898 vom Franzosen Victor Loret als eine von drei Mumien in einer Seitenkammer des Grabes KV35 gefunden, dem Grab von Amenophis II., das später auch als Cachette, als Mumienversteck, für einige weitere königliche Mumien genutzt wurde.
Diese Mumie weist einige schwere Verletzungen auf; die linke Gesichtsshälfte und der Brustraum sind eingeschlagen und der rechte Arm fehlt ganz. Geschah dies durch Grabräuber oder kam eine dieser Verletzungen als Todesursache in Frage? Umstritten ist auch die Identität dieser Mumie: die Namen Nofretete, Kija, Meritaton, Satamun, Baketaton oder Nebetiah sind aktuell im Spiel.

Mann oder Frau?

Victor Loret vermutete, dass es sich bei dieser Mumie um einen Mann handelte und viele Jahre lang wurde diese Meinung in anderen Texten weitergeführt. Erst kürzlich, im Jahr 2005, wurde die Bestimmung des weiblichen Geschlechts durch Piacentini und Orsenigo endgültig bestätigt. Dabei hatte bereits Grafton E. Smith die Mumie 1912 im Museumskatalog als „Younger Woman“ bezeichnete. Smith vermutete, dass die Einstufung durch Loret, dass dies ein Mann sei, vielleicht an den fehlenden langen Haaren gelegen haben könnte, denn die Haare der Mumie waren kurz geschoren, evtl. war der Kopf kurz vor dem Tod noch rasiert worden. Dennoch konnte er es sich im Untersuchungsbericht nicht verkneifen hinzuzufügen, dass man eigentlich kein großes anatomisches Wissen benötige, um in dieser hervorragend erhaltenen (und nackten) Mumie eine Frau zu erkennen. Seiner Meinung nach war diese Frau keine 25 Jahre alt geworden, basierend auf der Ausprägung des Darmbeins und den noch nicht durchgebrochenen Weisheitszähnen.


Die Ähnlichkeit zur Nofretete-Büste

Foto der Nofretete-Büste

Büste der Nofretete im Neuen Museum Berlin, Foto: Philip Pikart, CC BY-SA 3.0

Lange glaubte man, die Mumie sei wohl ein Familienmitglied von Amenophis II., da sie ja in seinem Grab gefunden wude. 1999 stellte Marianne Luban jedoch die These auf, es könne sich hier um die Mumie der Nofretete handeln. Dabei berief sie sich auf die vermeintliche Ähnlichkeit des Gesichts der Mumie mit der berühmten Büste der Nofretete in Berlin. Auch Joann Fletcher kam 2004 zu dieser Überzeugung, nachdem sie die Bilder eines portablen Röntgengeräts und eine forensische Gesichtsrekonstruktion ausgewertet hatte. Auch waren die Ohren der Mumie doppelt durchstochen, was für Joann Fletcher ebenfalls sehr selten und bei Bildnissen von Nofretete zu sehen ist.

Die Gesichts- und Brustverletzungen

Lange galt die Überzeugung, dass die Schäden an der Mumie wohl von Grabräubern herbeigeführt worden waren. Die Forschungsgruppe um Zahi Hawass kam 2007 hingegen zu dem Schluss, dass Gesichts- und Brustverletzungen vor dem Tod entstanden sind .Zumindest in der großen Wunde im Gesicht fanden sich kaum Reste von vertrockneten Knochen und Fleisch, die eigentlich hätten gefunden werden müssen, wenn Grabräuber die Mumie nach der Einbalsamierung zerstört hätten. Beide Verletzungen wären dann vermutlich tödlich gewesen.

Der fehlende Arm

Interessant ist auch der fehlende rechte Arm. Als in der Seitenkammer Überreste von zwei Armen auftauchten, und einer davon gebeugt war und anscheinend einmal ein Zepter gehalten hatte, wurde aus der „jüngeren Dame“ schnell eine Königin. Leider haben Untersuchungen ergeben, dass die Knochendichte des gebeugten Armes nicht zu der der Mumie passt und eine DNA-Untersuchung zeigte, dass der Arm einem Mann gehörte, während die Mumie der „jüngeren Dame“ auch genetisch 2013 noch einmal als Frau bestätigt wurde. Abgesehen davon kann die landläufige Meinung, das zwei über der Brust gebeugte Arme einen Pharao und ein einzelner gebeugter Arm eine Königin kennzeichnen, auch nur als Hinweis und keinesfalls als Fakt angesehen werden.

Um ganz sicher zu gehen, sind nun noch einmal Gewebeproben von verschiedenen Körperstellen, wie z.B. der Hüfte, den langen Knochen und der Wirbelsäule einem DNA-Test unterzogen worden, um zu bestätigen, dass alle Körperteile auch wirklich zu derselben Mumie gehören.

Mutter von Tutanchamun

Statue des Tutanchamun im Karnaktempel

Statue des Amun mit dem Gesicht von Tutanchamun im Karnaktempel

Ebenfalls im Jahr 2007 zeigten CT-Scans eine morphologische Ähnlichkeit der „jüngeren Dame“ mit Tutanchamun. Zu Beginn des „Tutanchamun-Familien-Projekts“ war diese Mumie daher eine der wahrscheinlichsten Kandidatinnen für die Mutter von Tut. Diese Annahme wurde durch die Gentests des Projekts dann auch bestätigt. Über die Identität dieser Mutter wird jedoch noch gestritten und das Team des Tut-Familien-Projekts wollte auch keine Prognose abgeben. Möglichkeiten und Vorschläge gibt es mehrere:

  • Königin Nofretete, ca. 35 Jahre alt
  • Kija, Echnatons 2. Ehefrau, vermutlich 30 Jahre alt
  • Die 20-25 Jahre alte Meritaton, älteste Tochter von Echnaton
  • eine (andere?) Tochter von Amenophis III.

Die genetischen Vergleiche zeigten, dass die „jüngere Dame“ eine Tochter der Mumien ist, die höchstwahrscheinlich Amenophis III. und seine Großen Königlichen Gemahlin Teje sind. Ebenso ist sie genetisch eine Schwester der männlichen Mumie aus KV55, die ja als Echnaton angesehen wird, und hatte zusammen mit diesem den Sohn Tutanchamun. Da Amenophis III. und Teje allerdings keine Tochter namens Nofretete hatten, müsste also (wenn es sich bei den in Frage kommenden Mumien wirklich um Nofretete, Amenophis III. und Teje handelt) eine der bekannten Töchter spätestens zur Vermählung mit Echnaton ihren Namen in Nofretete (Die Schöne ist gekommen) geändert haben.

Weitere Theorien

Hermann Schlögl vertritt dennoch die Ansicht, die „jüngere Dame“ sei zwar Nofretete, diese sei aber die Tochter von Gottesvater (später auch König) Eje und dessen Frau Tij II. Und die Mumie aus KV55 ist für ihn der mysteriöse Semenchkare und nicht Echnaton. Marc Gabolde und Aidan Dodson sehen in der „jüngeren Dame“ dagegen eine Kusine und nicht die Schwester Echnatons. Mehrere inzestuöse Vorgenerationen könnten die für eine Schwester typische genetische Nähe auch bei einer Kusine erklären, meinen sie.

Eine weitere Theorie besagt, die „jüngere Dame“ sei Satamun, Amenophis‘ III. und Tejes älteste Tochter, die ihren Namen später in Kija geändert haben könnte und dann Echnatons 2. Gemahlin wurde. Aber auch die anderen Schwestern Echnatons, bspw. Baketaton oder Nebetiah, wurden 2013 von Kais Hussein ins Spiel gebracht. Insbesondere Baketaton scheint auf Abbildungen aber eher das Alter der Töchter von Nofretete zu haben. Auch ist ihr Vater nirgendwo namentlich genannt. Zumindest an dieser Personalie können also Zweifel angemeldet werden.

Die Autoren dieser Studie glauben, dass es sich bei der Mumie CG 61072, der sogenannten „jüngeren Dame“, auf jeden Fall um Nofretete handelt, die als Tochter von Amenophis III. und Teje ihren Bruder Echnaton heiratete und mit ihm den Sohn Tutanchamun hatte. Diese Deutung der genetischen Ergebnisse passt auch sehr gut zu den archäologischen Funden und den bekannten Geschichtsdaten. Trotzdem gibt es noch keinen „harten Beweis“ für diese These, und so gibt es unter den Ägyptologen eben auch abweichende Meinungen – die allerdings bislang ebensowenig „bewiesen“ werden können.

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