Ptolemäisches Skelett B21, Quesna. Foto: Sonia Zakrzewski, Universität Southampton

Skelettfund im Delta: Eunuchen aus griechisch-römischer Zeit?

In Quesna im Gouvernement al-Minufiyya hat ein internationales Forscherteam zwei Skelette aus der ptolemäisch-römischen Ära gefunden, deren unübliche Körpergröße zusammen mit anderen Skelett-Abweichungen entweder auf eine angeborene Abnormität, Intersexualität oder auf eine Kastration hindeuten könnte. Es könnte sich bei diesen beiden Skeletten also durchaus um altägyptische Eunuchen handeln.

Die Wissenschaftler hatten diese beiden ungewöhnlichen Fälle im April auf einer Konferenz der Amerikanischen Gesellschaft der physischen Anthropologen in New Orleans vorgestellt. Die für verschiedene Universitäten arbeitenden Archäologen Scott Haddow (Bordeaux), Joanne Rowland (Edinburgh) und Sonia Zakrzewski (Southampton) fanden die Skelette auf einem Friedhof mit insgesamt 151 Bestatteten in der Stadt Quesna, die im Nildelta, nördlich von Kairo liegt.


Intersexualität als Gemeinsamkeit der Skelette

Scott Haddow am Skelett B26 in Quesna. Foto: Sonia Zakrzewski, Universität Southampton

Obwohl in unterschiedlichen Gräbern bestattet und aus unterschiedlichen Zeiten stammend, weisen beide Skelette einige Gemeinsamkeiten auf. So konnte bei beiden das Geschlecht bisher nicht eindeutig bestimmt werden. Und obwohl es sich eindeutig um erwachsene Personen handelt, sehen die Knochen noch unentwickelt aus und die Wachstumsfugen der Arm- und Beinknochen sind nicht geschlossen. Die beiden Personen waren dadurch größer als der Durchschnitt der damaligen Bevölkerung, da ihr Wachstum nicht irgendwann nach der Pubertät aufgehört hatte.

All dies könnte darauf hindeuten, dass es sich hier vielleicht um Eunuchen handelte. Eine Kastration im Kindesalter, also vor der Pubertät, führt normalerweise dazu, dass diese Person ungewöhnlich groß wird, schmale Schultern, eine eingesunkene Brust und breite Hüften hat. Auch die Knochen der beiden im 18. Jh. berühmten Kastraten-Sänger Farinelli und Gaspare Pacchierotti zeigten die noch nicht verknöcherten Epiphysenfugen und eine ungewöhnliche Körpergröße, schreibt Kristina Killgrove, Bioarchäologin der Universität West Florida, in ihrem Artikel über die nun in Quesna gefundenen Eunuchen-Skelette im Online Magazin Forbes.

Eunuchen oder genetische Abnormität als Ursache

Dass es im alten Ägypten Eunuchen gab, die während der griechisch-römischen Periode sogar hohe Ämter am Königshof bekleideten, ist schriftlich belegt. Allerdings kann es für die nun gefundenen Skelettauffälligkeiten auch andere medizinische Ursachen als eine Kastration geben, stellen die Wissenschaftler klar. Es gibt einige angeborene Eigenschaften, Abweichungen des endokrinen Systems, der Geschlechtschromosomen oder Störungen des Hormongleichgewichts, die ähnliche Auswirkungen haben können. Die nun geplanten DNA-Analysen der beiden Skelette können hier vielleicht mehr Aufschluss bringen.

Während man über das Skelett Nr. B26 noch nicht viel sagen kann, außer dass dieser Mensch sehr groß war, aus der römischen Ära stammt und in einem Gemeinschaftsgrab (GR1014) aus Lehmziegeln bestattet wurde, so ist der Blick auf Skelett B21 sehr viel interessanter.
Hier handelt es sich um einen Erwachsenen aus ptolemäischer Zeit, dessen Begräbnis sehr ungewöhnlich war, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Bestattungen seiner Zeit, die in der Regel mit dem Kopf nach Norden erfolgten, war dieser Mensch um 180° gedreht, also mit dem Kopf nach Süden, bestattet worden. Die Wissenschaftler sind sich sicher, dass diese unübliche Ausrichtung des Grabes (GR1019) zeigt, dass dieser Mensch völlig anders war als der Normalägypter seiner Zeit.

Ausschnitt aus dem Gräberplan Quesna. Camilla Mazzucato, Minufiyeh Archaeological Survey

Schweigsame Amulette

Skelett B21 war dabei durchaus aufwändig bestattet worden, mit einer Totenmaske und vielen Amuletten. Das zeugt davon, dass seine Hinterbliebenen ihn liebten und ihm den nötigen Respekt zollten. Wie das zur „umgekehrten“ Ausrichtung des Grabes passen soll, können die Forscher noch nicht erklären.

Scott Haddow, einer der drei Forscher, die den Fund machten, ergänzt, dass man sich von den Amuletten Aufschluss über das vermeintliche Geschlecht des Toten B21 erhofft hatte. Außer einem sitzenden Pavian, der gewöhnlich mit Fruchtbarkeit und Geburt in Verbindung gebracht werde, seien die anderen Amulette aber alle eher allgemeiner Natur und ließen keinen Rückschluss auf ein Geschlecht zu. Und bei B26 habe man im gesamten Gemeinschaftsgrab überhaupt nur ein einziges Amulett, ein Udjat-Auge, gefunden, ergänzt Sonia Zakrzewski von der Uni Southampton.

Nachträgliche Schändung der Leichen

Sonia Zakrzewski weist auch darauf hin, dass bei diesen beiden Skeletten durch Plünderung oder gezielte Zerstörung die Schädel schwer beschädigt wurden. Solche nachträgliche Schändung der Leichname ließe sich bislang nur bei diesen beiden Skeletten nachweisen. Warum sollten sich Grabräuber unter 151 Toten ausgerechnet für diese beiden interessiert haben? Oder wurden ihnen gezielt post mortem die Köpfe eingeschlagen? Dies ist jedenfalls eine weitere Gemeinsamkeit der beiden Skelette, die auf ihre Andersartigkeit, vielleicht eine deutlich sichtbare Intersexualität, hinweisen könnte.

Scott Haddow geht mit seinen Spekulationen noch einen Schritt weiter. Dass B21 so „verquer“, also mit dem Kopf nach Süden, bestattet wurde und er so viele Totenamulette mit ins Grab bekam, könnte bedeuten, dass Eunuchen zu ptolemäischer Zeit noch etwas Ungewöhnliches waren. B26 dagegen wurde in der zu römischer Zeit üblichen Lage, mit dem Kopf nach Westen begraben. Vielleicht waren Eunuchen zu römischer Zeit also akzeptierter, vermutet Haddow.

Vielleicht konnte man einen Einzelnen in einem Gemeinschaftsgrab aber auch nicht anders bestatten als alle anderen? Oder seine Intersexualität war körperlich nicht so sichtbar, als dass man sie bemerkt hatte? Der eingeschlagene Schädel spricht allerdings gegen diese These.
Hier bleibt also noch viel Raum für die Forschung. Nächstes Ziel der Forscher ist nun erst einmal das Herausbringen einer wissenschaftlichen Publikation ihrer Funde. Und vielleicht bringt die ja schon etwas Licht in das verbliebene Dunkel.

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