Die Rückwand des Bootsgebäudes mit dem ehemals kuppelförmigen Dach. Bild mit freundlicher Genehmigung des Museums der Universität von Pennsylvania

Wände voller Schiffe in unterirdischem Gewölbe in Abydos

Kürzliche Ausgrabungen in der Nähe des Grabes von Pharao Sesostris III. in Abydos förderten ein unterirdisches Gewölbe zutage. Reste von Holzplanken zeugen davon, dass hier eine ca. 20m lange Barke begraben war. Irgendwann benötigte man wohl das Holz und grub sie wieder aus. Übrig blieb das Grabgewölbe, das sogenannte Bootsgebäude, dessen Wände über und über mit verschiedenen Darstellungen königlicher Schiffe bemalt sind.

Barken als kultisches Objekt

Nilschiffe waren wichtig im alten Ägypten. Sie waren nicht nur Fortbewegungsmittel sondern hatten auch eine kultische Bedeutung. Im Glauben der alten Ägypter reiste der Sonnengott Re tagsüber in seiner goldenen Sonnenbarke über den Himmel und musste nachts mit ihr durch die gefährliche Unterwelt reisen, um den Ägyptern am nächsten Morgen wieder das lebensspendende Licht zu bringen.


Barken in voller Größe zusammen mit den Königen zu bestatten, hatte eine lange Tradition. Berühmt sind vor allem die mehr als 40m langen Sonnenbarken des Cheops, die in Gruben neben seiner Pyramide in Gizeh gefunden wurden. Es gibt Belege dafür, dass diese Tradition von der frühdynastischen Zeit, ca. 3000 Jahre v.Chr., bis ins späte Mittlere Reich, ca. 1800 v.Chr., gelebt wurde. In den nachfolgenden Perioden wurden den Pharaonen dann meist nur noch Schiffsmodelle mit ins Grab gegeben. Das nun nahe dem Grab von Pharao Sesostris III. (1878-1841 v.Chr.) in Abydos gefundene Bootsgebäude stammt aus der 12. Dynastie, also gegen Ende der Tradition der Barkenbegräbnisse.

Modell der Sonnenbarke des Cheops im Barkenmuseum Gizeh

Modell der Sonnenbarke des Cheops im Barkenmuseum Gizeh

Die Grabungsmission des Penn Museums der Universität von Pennsylvania ist seit 1994 auf dem großen Grabkomplex des Pharaos Sesostris III. tätig. Auf der Westseite dieses Komplexes wurden weitere königliche Gräber gefunden, deren Herrscher dem Mittleren Reich und der Zweiten Zwischenzeit angehören. In den letzten Jahren konzentrierten sich die Forscher nun auf den östlichen Teil und stießen hier 2014-2016 auf mehrere leere Mastabas und eben das Bootsgebäude, etwa 65m östlich des Eingangsgebäudes von Sesostris‘ Grab.

1901 entdeckt — und gleich eingestürzt

Das Bootshaus war bereits 1901 vom englischen Ägyptologen Arthur Weigall gefunden worden, der auf das gewölbte Dach gestoßen war. Beim Versuch, den Schutt darunter zu entfernen, war das Dachgewölbe eingebrochen und Weigall hatte seine Untersuchungen nicht weitergeführt. So blieb das eingefallene Bootsgebäude bis heute unerforscht.

Ansicht des Bootsgebäudes mit Holzresten auf dem Boden. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

Ansicht des Bootsgebäudes mit Holzresten auf dem Boden. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

Die Vorderseite des Gebäudes wurde erst im letzten Winter ausgegraben und die Dokumentation erst kürzlich fertiggestellt. Das Bootshaus ist äußerst solide gebaut. Es fußt mit massiven Ziegelwänden auf einem harten Wüstenuntergrund. Mit 20 x 40 x 12 cm großen Lehmziegeln wurden doppelreihige Wände gemauert, die innen mit einem Gipsputz versehen sind. Der 2014 ausgegrabene Innenraum ist 20 x 4m groß, die Wände 2,20m hoch, darüber beginnt dann das kuppelförmige Dach.

Aussparungen im Mauerwerk, groß genug für starke Querbalken, zeigen, dass man wohl eine Art Gerüst im Inneren des Baus verwendete, als man die gewölbte Decke auf die Wände aufsetzte. Diese Gewölbedecke bestand ebenfalls aus zwei Reihen der „genormten“ Ziegelsteine und war somit annähernd 50cm dick. Da die Wölbung eine Höhe von 2m hatte, betrug die gesamte Innenhöhe des Bootsgebäudes ursprünglich einmal 4,40 Meter!

Boat tableau — Boots-Szenerie

Die wenigen verbliebenen Holzreste der Begräbnisbarke sind stark verwittert und teilweise von Insekten zerfressen. Die große Sensation aber sind die Wände, die mit Abbildungen von Königsschiffen versehen sind. 120 unterschiedliche Barken und Schiffe sind dort zu sehen – gut erhalten, da sie in die Wände bzw. den weichen Gipsputz hineingraviert wurden. Die Boote sollen dabei nicht ein Gesamtbild darstellen sondern haben mehr die Anmutung eines ungeordneten Graffitis. Dr. Josef Wegner, Leiter der Grabungsmission in Abydos, nennt es daher ein „boat tableau“, also eine Szenerie aus Booten.

Eine Gruppe von Booten an einer Seitenwand. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

Eine Gruppe von Booten an einer Seitenwand. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

Die eingravierten Boote beginnen erst etwa 5m hinter dem Eingang, und dort in großer Höhe. Je weiter man in das Gebäude (von dem allerdings ja das Dach fehlt) hinein geht, desto tiefer sind die Bootszeichnungen angesetzt. Auf den letzten 8m sind dann beide Seitenwände und die abschließende Rückwand von oben bis unten mit Bootsbildern bedeckt, einige davon so hoch, dass die Künstler entweder auf Erhöhungen oder vielleicht sogar auf der Barke sebst gestanden haben müssen. Vermutlich trug sogar die Decke solche Zeichnungen.

Große Unterschiede…

Die Bootsdarstellungen unterscheiden sich in Größe und Detailreichtum stark. Auf der einen Seite gibt es große Bilder von Schiffen mit Masten, Segeln, Takelage, Decksaufbauten, Kabinen, Rudern und Ruderern. Daneben gibt es aber auch einfache, fast schematische Zeichnungen, in denen zwei geschwungene Linien den Bootsrumpf und ein darauf gesetztes Rechteck das Deckshaus darstellen. Die größten Darstellungen sind fast 1,50m lang, einige kleinere nur etwa 10cm groß. Zwischen den Booten finden sich einige Tier- oder Pflanzendarstellungen: Rinder, Gazellen, Lotus und Blumenmuster.

Boot mit Kabine und Endstück am Bug. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

Boot mit Kabine und Endstück am Bug. Bildnutzung m.frdl.Gen. des Museums der Universität von Pennsylvania

…aber auch Gemeinsamkeiten

Trotz ihrer Unterschiedlichkeit haben die Bilder auch einige Gemeinsamkeiten: Sie alle zeigen einen Schiffsrumpf mit erhöhtem und Bug und Heck, viele davon mit dekorativen Endstücken am Bug. Viele Schiffe haben einen Mast mit Segeln, die allermeisten eine rechteckige Kabine bzw. einen Deckaufbau und ein Steuerruder am Heck. Sollten die Bilder die verschiedenen damaligen Nilschiffe abbilden? Oder sollte damit ein bestimmtes Schiff oder eine bestimmte Schiffsgattung dargestellt werden? Oder handelt es sich vielleicht um verschiedene Zeichnungen der tatsächlich dort begrabenen Barke?

Zeitpunkt und Bedeutung noch unbekannt

Es ist klar, dass die Zeichnungen nicht einem dekorativen Gesamtplan folgen und auch kein übergeordnetes Bild darstellen sollen. Sie wurden vermutlich von vielen „Künstlern“ und nicht von einem einzigen oder einer kleinen Gruppe gemacht. Es scheint, als sei zu einem bestimmten Zeitpunkt eine größere Menge Menschen hereingekommen und jeder von ihnen habe in kurzer Zeit und freihändig ein Bild in den Gipsputz hinein gemalt. Ob dies während des Baus oder kurz vor der Begräbniszeremonie geschah, oder ob die Bilder vielleicht erst viel später angebracht wurden, nachdem die tatsächliche Barke wieder auseinandergebaut worden war, ist noch unbekannt.

Die Ähnlichkeit dieses Fundes mit den Barkengräbern in Dahshur sowie Luftaufnahmen des Begräbniskomplexes in Süd-Abydos lassen vermuten, dass es auch hier weitere Barkengruben gibt. Da der Bereich östlich des Grabeingangs auch noch einige unerforschte Bereiche beinhaltet, sind die Forscher der Universität von Pennsylvania zuversichtlich, diese letzte Phase der ägyptischen Geschichte, in der man noch ganze Boote neben Königsgräbern beisetzte, durch weitere Funden noch besser untersuchen und verstehen zu können.

Lagepläne und weitere Fotos des Fundes findet ihr im wissenschaftlichen Artikel von Dr. Josef Wegner, der im »The International Journal of Nautical Archaeology« erschienen ist.

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