Sarkophag eines Priesters namens Nakhtefmut. Bild: Michael Jones/The Fitzwilliam Museum (mit freundlicher Genehmigung)

Ägypter recycelten alte Sarkophage

Dass nicht nur Mumien, sondern auch Sarkophage interessante Einblicke unter dem Computertomotgraphen liefern, bewiesen nun Forscher des Fitzwilliam Museum in Cambridge. Im Zuge der neuen Ausstellung „Death on the Nile: Uncovering the afterlife of ancient Egypt“ schauten sie sich die Sarkophage ihrer Sammlung einmal genauer an. Das verblüffende Ergebnis: Viele Ägypter wurden in Sarkophage bestattet, die aus Stücken älterer Sarkophage zusammengeflickt wurden. Manche Sarkophage waren erst wenige Generationen alt, bevor sie für eine erneute Bestattung wiederverwendet wurden.

Die recycelten Sarkophage von Nespawershefyt

Einer von Nespawershefyts Sarkophagen. Röntgenaufnahmen belegen, dass er aus Teilen eines älteren Sarkophages angefertigt wurde. Foto: Andrew Norman/The Fitzwilliam Museum (mit freundlicher Genehmigung)

Einer von Nespawershefyts Sarkophagen. Röntgenaufnahmen belegen, dass er aus Teilen eines älteren Sarkophages angefertigt wurde.
Foto: Andrew Norman/The Fitzwilliam Museum (mit freundlicher Genehmigung)

Einige der recycelten Sarkophage wurden offensichtlich von der Stange gekauft und mit kunstvollen Namensinschriften verziert, während andere individueller angefertigt und als eine Art Statussymbol schon zu Lebzeiten in Auftrag gegeben wurden, wie Helen Strudwick, Kuratorin des Fitzwilliam Museum in Cambridge, The Guardian erzählt.

Eine Reihe von kostbaren Sarkophagen hat der Leiter der Schreiber im Tempel von Amun-Re, Nespawershefyt, schon zu Lebzeiten bestellt. Sie sind überzogen von gemalten Dekorationen und Inschriften, die Jahre vor seinem Tod schon angelegt wurden und später noch mal mit seinen aktuellen Errungenschaften und Leistungen abgeändert wurden.


Die Scans zeigen, dass die Sarkophage Teile von mindestens einem älteren Sarkophag enthalten. Die einzelnen Holzteile wurden mit alten Dübeln und Fugenlöchern, die vorsichtig gefüllt wurden, zusammengesetzt. Als Füllmaterial für die Spalten und Löcher wurde zerknülltes Leinen, Lehm und Stroh verwendet.

Auch die Handwerker haben ihre Spuren hinterlassen. Auf den Scans konnten die Forscher ihre Finger- und Handabdrücke erkennen, die in der damals noch feuchten Lackschicht im Inneren des Deckels verschmiert wurden.

Holz als teure und rare Ware

Für einen anderen Sarkophag höhlten die Handwerker nur einen einzigen Baumstamm aus. Bei den Arbeiten sprang das Holz jedoch von den Schultern bis zum Schienbein. Da Holz eine wertvolle Ware war und viele Arbeitstunden darin steckten, hat man den Riss mit Tiersehnen „genäht“, so dass der Riss zusammgengezogen wurde, als das Nahtmaterial trocknete.
Die Reparatur wurde so sorgsam ausgeführt, dass die Kuratoren nur staunen konnten, als sie ihn nach einem Jahrhundert in der Sammlung öffneten.

Sarkophag aus recycelten Zedernholz für eine Frau namens Nacht. Datierung ca. 1985-1773 v. Chr. Foto: Andrew Norman/The Fitzwilliam Museum (mit freundlicher Genehmigung)

Sarkophag aus recycelten Zedernholz für eine Frau namens Nacht. Datierung ca. 1985-1773 v. Chr.
Foto: Andrew Norman/The Fitzwilliam Museum (mit freundlicher Genehmigung)

Der Sarkophag eines Mannes namens Pakepu stammt aus insgesamt 74 Einzelteilen aus Holz, angeklammert mit 143 Dübel. Die Inschriften enthüllen, dass Pakepu, ein Wasserträger der in Theben-West um 700-650 v. Chr. lebte, in der Bestattungsbranche arbeitete und für das Rezitieren von Gebeten und das Geben von Opfergaben für den Toten bezahlt wurde.

Ein weiterer Sarkophag wurde aus gebogenen Brettern, die aus einem Feigenbaum geschnitzt wurden gemacht. Das Holz musste wie eine Banane gekrümmt werden, damit es verwendbar war. Ein anderer für eine Frau namens Nacht wurde aus recycelten Zedernholz – ein begehrtes Holz, das aus dem heutigen Libanon exportiert werden musste – angefertigt.

Strudwick und Julie Dawnson, die die Konservierungsarbeiten leiteten, vermuten, dass die Ägypter alles nahmen, was sie haben konnten, weil Holz ein sehr rares Gut in Ägypten war. Jedes Holz war wertvoll und wäre nie weggeeschmissen worden, so Strudwick. Dies ist sogar im heutigen Ägypten noch der Fall. Es werden Stühle aus Metall verwendet und so geschickt bemalt, dass sie aussehen wie Holz.

Ein Geschäftsmodell von Grabräubern?

Der Verdacht, dass es nur Grabräubern gelungen sein könnte, an das so begehrte Material zu kommen, liegt zumindest ziemlich nahe. Die meisten der ägyptischen Gräber wurden schon in der Antike von Grabräubern geplündert. Dachten die Forscher bisher, sie wären nur auf Gold, Schmuck und andere Kostbarkeiten aus gewesen, könnten die neuen Forschungen noch auf ganz andere Objekte der Begierde schließen. Vielleicht waren die Sarkophage für die Grabräuber genauso kostbar wie alles Gold was glänzt, so Strudwick. Vielleicht gab es sogar einen richtig organisierten Handel und die Hersteller hatten ein Lager von zerteilten Sarkophagen in einem Hinterraum.

Wussten die alten Ägypter was da vor sich geht?

Eina andere Frage, die sich einem unwillkürlich stellt, ist die, ob Frauen wie Nacht oder Männer wie Pakepu wussten, dass ihre Sarkophage schon von jemand anderes benutzt wurden? War es ihnen bewusst, dass ihre Sarkophage „Seconhand“ waren? Waren recycelte Sarkophage vielleicht günstiger? Eine Antwort bleiben die Sarkophage schuldig.

Die Ausstellung „Death on the Nile“ kann man vom 23.02. – 22.05.2016 in Fitzwilliam Museum Cambridge besichtigen.

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