Vermessungsarbeiten zu Beginn der neuerlichen Radar-Untersuchungen im Grab Tutanchamuns. Foto: Luxor Times Magazine

Hinhaltetaktik? Das lange Warten auf Top oder Flop

Gestern hatten die erneuten Scans im Grab Tutanchamuns begonnen, heute wurden die Ergebnisse auf einer Pressekonferenz im Tal der Könige vorgestellt. Doch statt Antworten oder neue Informationen zu erhalten, wurden die Pressevertreter nur erneut vertröstet mit dem Hinweis auf weitere Scans Ende April und eine weitere Pressekonferenz Anfang Mai.

Auf der heutigen Pressekonferenz teilte der neue Antikenminister Khaled El Enany mit, dass die Radaruntersuchungen 10 Stunden angedauert hätten und man nun 40 Scanbilder in bis zu fünf verschiedenen Levels habe. Es wurden zwei Antennen mit 400 bzw. 900 MHz verwendet, die eine Reichweite der Scans von bis zu 4m erlauben. Auch die Auflösung der neuen Bilder sei größer als bisher.


In der bislang einzigen schriftlichen Pressemitteilung des Antikenministeriums heißt es, die heutigen Ergebnisse stünden nicht im Widerspruch zu den bereits vorhandenen. Das war’s aber leider auch schon, was zu den Scanergebnissen gesagt wird.

Was bisher geschah

Wir erinnern uns: Die letzten Untersuchungsergebnisse Mitte März deuteten darauf hin, dass es hinter den Wänden in Tuts Grab Hohlräume geben könnte, evtl. sogar einen Türsturz in der Wand. Außerdem könnte es sein, dass in diesen Hohlräumen organische oder metallische Materialien vorhanden seien. Diese sehr wagen Informationen hatten ausgereicht, um in der ganzen Welt – und sogar beim ehemaligen ägyptischen Tourismusminister Hisham Zazou – Spekulationen darüber auszulösen, ob „die Entdeckung des Jahrhunderts“ bevorstehe.

Die LiveScience hatte erst kürzlich mehrere Radarexperten befragt, die sich alle vorsichtig oder sogar deutlich kritisch zur Aussagekraft der wenigen veröffentlichten Radarbilder geäußert hatten. Sie hatten übereinstimend gefordert, das Rohmaterial der Bilder solle freigegeben und im Kollegenkreis diskutiert werden.

Die genauesten Daten ever

Der britische Ägyptologe Nicolas Reeves, der mit seinen wissenschaftlich untermauerten Thesen die Fachwelt überhaupt erst auf die Möglichkeit geheimer Nebenräume aufmerksam gemacht hatte, ließ heute verlauten, dass die neuen Bilder die genauesten Daten über evtl. Hohlräume hinter den Wänden darstellten. Auch das ist leider nur eine windelweiche Aussage, die man wie Kaugummi in alle Richtungen ziehen kann. Zusätzlich bekräftigte Reeves aber seinen Glauben, dass die Grabkammer Tuts nur der sichtbare Teil einer größeren Grabanlage sei, die seiner Meinung nach ursprünglich für Nofretete angelegt wurde.

Kann es wirklich sein, dass man nach zwei ausführlichen Radarscans mit modernster Technik noch immer nicht mit Gewissheit sagen kann, ob es sich hier um soliden Fels oder um eine von Menschen erbaute Wand mit einem Raum dahinter handelt? Man könnte fast den Eindruck gewinnen, die Beteiligten hätten sich abgesprochen, jetzt noch keine Details zu verraten. Wenn das so wäre, könnte es unserer Meinung nach zweierlei bedeuten: Entweder wollen sie die gute Nachricht, die sie bereits kennen, erst dann bekanntgeben, wenn sie ein komplettes und unanfechtbares Beweispaket geschnürt haben, oder sie wollen die schlechte Nachricht noch möglichst lange hinauszögern. Denn eines ist sicher: Die Welt hat schon lange nicht mehr so gespannt nach Ägypten geblickt, wie in den letzten Wochen. Und den schlechten Touristenzahlen kann das große Interesse nur gut tun.

Top oder doch nur Flop?

Wie geht es also nun weiter? Ende April sollen weitere Scans gemacht werden, diesmal „von oben“, also von außerhalb des Grabes. Der neue Minister lud Archäologen aus aller Welt ein, Anfang Mai nach Ägypten zu kommen und gemeinsam die Ergebnisse der Untersuchungen zu diskutieren. Und auch wir müssen wohl noch einige Wochen abwarten, ob es wirklich eine archäologische Sensation — eine unangetastete Grabkammer mit einer Königsmumie und unglaublichen Schätzen — zu verkünden gibt, oder ob alles wie eine Seifenblase zerplatzt, weil die Radarbilder nur das Echo ungewöhnlicher Gesteinsformationen aufgezeichnet haben.

Top oder Flop? Noch ist es wie 1922 bei der Öffnung des Grabes von Tutanchamun, als Howard Carter im schwachen Schein einer Kerze durch ein kleines Loch in die Grabkammer hinein blickte und sein Förderer Lord Carnarvon ihn fragte: „Can you see anything?“. Und wir alle hoffen darauf, eine ähnliche Antwort zu bekommen…

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Nachtrag 2.4.16:

Nachdem wir uns gestern nur auf äußerst dürftige Pressemitteilungen stützen konnten, existiert inzwischen ein ca. 30 Minuten langes Video der Pressekonferenz, die sowohl in Arabisch als auch in Englisch abgehalten wurde. Stichpunktartig hier einige weitere Informationen aus den dort gemachten Statements, zusätzlich zu den oben bereits genannten:

  • Die große Menge an Daten müsse erst aufbereitet, dann analysiert werden.
  • Das machen drei Teams unabhängig voneinander, um möglichst unterschiedliche Sichtweisen zu erhalten.
  • Das soll ca. 1 Woche dauern.
  • Man gehe streng wissenschaftlich vor.
  • Man habe 4 Scanreihen geplant, 3 seien jetzt erst durchgeführt.
  • In jeder Radarscanreihe komme eine andere Scantechnik zum Einsatz.
  • Die 4. kommt Ende April.
  • Sie wird Vertikalscans von oberhalb des Grabes beinhalten.
  • Mit der Technologie wird man bis 40m tief in den Felsen scannen können.
  • Erst nach Auswertung der letzten Scanreihe wird man etwas zu den Ergebnissen sagen.
  • Auf der 2. internationalen Tutanchamun-Konferenz vom 6.-8. Mai sollen die Ergebnisse vorgestellt werden.
  • Fachleute sollen dort das weitere Vorgehen diskutieren.
  • Obwohl man sich bemühte, immer nur von „Anomalien“ zu sprechen, rutschte dem einen oder anderen doch heraus, dass es hinter den Wänden wohl weitere Räume gibt.
  • Reeves vermutet hinter der Westwand einen weiteren Lagerraum, hinter der Nordwand einen Zugang zu Nofretetes Grabkammer.

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7 Kommentar(e)

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  • mckracken

    Weitere Messungen werden auch nichts an der Tatsache ändern das es NUR gewissheit gibt wenn man ein ca. 3cm loch bohrt (an einer Stelle ohne grossartige Figuren) und da eine medizinische OP Kamera einführt.

    Und: nach natürlicher Felsformation sieht mir das überhaupt nicht aus. Ob dann auch was anderes als alte Mummien Wickel und dergleichen dort zu finden ist, ist eine andere Frage.

  • Bernd Knape

    ja genau ! ich schließe mich dem Vorgängerbeitrag an .

    das scannen und wieder scannen und schöne Bilder machen kostet und das habe ich auch schon mal geschrieben ! nur Geld , bestimmt viel Geld !!
    so ein kleines Loch und eine Kamera dadurch bringt viel mehr Gewissheit .

    genauso wundere ich mich auch darüber , das in der Pyramide des Cheops !
    auch nicht mehr weiter geht , ist da etwar das Geld aus gegangen ? oder Roboter auf dem Mars gelandet ? statt in der Pyramide .

    Ich bin gespannt ob das in diesem Jahrhundert alles noch was wird ?

  • Anne Hesmer

    Ich war leider noch nie life vor Ort aber…die Fotos meiner diversen Bücher und die neueren die hier auf diesem Blog zu sehen sind,hab ich mir mal genauer angesehen. Die unebene bemalte Fläche ist ein Fake-Putz. Denn warum sind an den anderen Wänden keine rauhen Oberflächen zu sehen und außerdem lassen sich wenn man genauer hinsieht,gerade Linien erkennen,die durch die Farbe teilweise schimmern. Und wenn ich richtig gesehen habe, verläuft eine breite waagerechte komplett in Kniehöhe der Figuren. Das sieht für mich so aus,als wäre die Wand zur Hälfte gemauert.und damit diese Mauer nicht auffällt, wurde sie grob verputzt,dass es wie gewachsener Felsen aussieht. Schaut euch mal die Fotos genau an.(die Wand mit dem Mundöffnungsritual) . Die Malerei sieht zudem auch so aus ,als wäre die Wand teilweise noch feucht gewesen.Als man sie bemalte. Feuchtigkeit vom Putz und Mörtel? Und eine weitere Theorie kam mir in den Sinn…. Was wenn sich Anchesenamun hinter Tuts Grab zwei Kammern für sich hat anlegen lassen? In aller Heimlichkeit Tuts Grab öffnen lassen um dahinter für sich eins anlegen zu lassen? Kann auch möglich sein. Das würde vielleicht auch erklären warum die Schreine um den Sarkophag nur schnell in Bausätzen gelehnt wurden.Und die Malereien so hastig gemalt aussehen. Meine Vermutung ist vielleicht etwas vage aber…Anchesenamun wird irgendwie immer vergessen…

  • Anne Hesmer

    Was meint ihr dazu? Reeves wurde zwar anfangs von dem ein oder anderen belächelt,als er sagte,dass er Kammern dahinter vermutete…(Ich zweifelte anfangs auch) Aber ich finde,dass meine Vermutung mit Anchesenamuns Grab hinter Tuts genauso sein kann,wie Reeves Vermutung mit Nofretetes Grab. Aber was ich mich frage… Warum wurde Tuts Grab dann an das (falls es wirklich so dein sollte) an Nofretetes Grab angelegt? Hätte sie überhaupt etwas mit ihm zu tun haben wollen? Weil mir kam die Frage auf: Warum sieht man nur die Töchter mit Nofretete und Echnaton auf den Familienreliefs und nie mit Tutanchamun dabei?? Ich fürchte dass noch mehr Fragen aufkommen werden,bis nun konkret gesagt werden kann,wer oder was sich nun hinter den Wänden verbirgt oder nicht. 😉

  • mckracken

    Irgendwie traurig das vielleicht wieder ein Ägypter für immer aus seiner Totenruhe gerissen wird und dann in einem Schaukasten im Museum landet.

    Doppelt tragisch wäre es wenn die alten Ägypter mit ihrer Version des Leben’s nach dem Tod richtig liegen.

  • Gottfried Helms

    Wenn zusätzlich die Gefahr besteht, daß tatsächlich Nofrete in der Kammer liegt – und ganz anders aussah als die weltbekannte Büste – was würde das für die Museen und vor allem für den Tourismus bedeuten. Möglich, daß man solch einen Zwischenfall gerne unter Kontrolle behalten möchte…

  • Anne Hesmer

    Ja,schon… Nur.. Wenn die Kammern dann offen sind…wären Tut und die andere(n) Mumie(n) dann noch sicher? Es wird dann zwar interessant, weil vielleicht Dinge entdeckt werden,die wertvolle Informationen über Tut und Familie liefern. Aber ich frage mich wo dann die andere Mumie (n) hin gebracht werden. Ob sie nach Katalogisierung und Untersuchung wie Tut auch,“zu Hause“ bleiben darf/dürfen oder ob sie und Tut dann ins Museum umziehen?

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