Die Mumie Ramses II.

Körpergröße als Indikator für Inzucht im alten Ägypten?

Bei einer Untersuchung von 259 Mumien aus allen altägyptischen Epochen fanden Forscher nun heraus, dass es Unterschiede in der Körpergröße zwischen der Normalbevölkerung und Mitgliedern der königlichen Familien gab. Königliche Frauen waren kleiner als Frauen aus der Bevölkerung, königliche Männer hingegen waren größer als ihre Landsmänner. Interessant ist vor allem, dass es unter den Mitgliedern der Königsfamilien geringere Größenunterschiede als in der Normalbevölkerung gab. Da das Merkmal Körpergröße stark von genetischen Faktoren abhängt, interpretieren die Forscher dieses Untersuchungsergebnis als Indiz für Inzucht in den königlichen Familien, bei denen manchmal über mehrere Generationen immer wieder Geschwister verheiratet wurden. So vererbten sich immer wieder ähnliche Geninformationen für die Körpergröße – mit der Folge, dass die Kinder aus Geschwister-Ehen ähnlich groß wurden, wie ihre Eltern. Die Vermischung von unterschiedlichem Genmaterial, wie es bei Ehen unter Nicht-Blutsverwandten normal ist, führe zu mehr Größenunterschieden, wie es in der Normalbevölkerung auch der Fall war.

Könige größer, Königinnen kleiner als Landsleute

Die Körpergröße wird in der Forschung als wichtiges Merkmal angesehen, um Aussagen über Gesundheitszustand und ökonomische Verhältnisse antiker Populationen zu erhalten. Je besser es den Menschen ging, umso größer waren sie – so könnte stark verkürzt die Formel lauten. Dass Könige also größer als ihre Landsleute waren, kann daher nicht verwundern – dass Königinnen kleiner als normale Ägypterinnen waren, passt dazu allerdings nicht. Die Forscher vermuten daher, dass kleine Frauen als attraktiver angesehen und daher eher als Ehepartner ausgewählt wurden.


Eine „große“ Familie: die Ramessiden

Allerdings sind die Daten nur in einzelnen Epochen stark unterschiedlich, über die Gesamtzeit dagegen eher marginal. So waren ägyptische Männer im Neuen Reich durchschnittlich 162,8 cm groß, die Thutmosiden dagegen 166,4 cm, und die Ramessiden brachten es im Mittel sogar auf 167,8 cm. Über alle Epochen hinweg egalisieren sich diese Unterschiede allerdings wieder. Nimmt man alle untersuchten Mumien von den frühdynastischen bis hin zu den griechisch-römischen Epochen, so waren normale ägyptische Männer 165,7 cm groß und Könige mit 166,0 cm nur unwesentlich größer (Frauen 157,8 cm, Königinnen 156,7 cm).

Die Untersuchung, die von Forschern der Universitäten in Zürich und Adelaide unter der Leitung von Dr. Frank Rühli durchgeführt wurde, zeigt auch, dass die Ägypter nicht größer oder kleiner waren als andere antike Völker, bspw. die Römer aus Pompeji. Und auch die heutigen Ägypter sind mit durchschnittlich 170 cm (Männer) bzw. 159 cm (Frauen) nicht viel größer als es ihre Vorfahren vor mehreren tausend Jahren waren.

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Inzuchtfaktor nach Punktestaffel

Um die Größenvarianz in Beziehung zum Faktor Inzucht setzen zu können, vergaben die Forscher Punkte für den Grad der Inzucht. 0 Punkte wurden vergeben, wenn es bei Eltern oder Großeltern keine Hinweise auf Geschwisterehen gibt, 0,25 Pkt. wenn die Großeltern, 0,5 Pkt. wenn die Eltern Geschwister waren und 0,75 Pkt, wenn blutsverwandte Ehen über beide Vorgenerationen belegt sind. Auf den höchsten Inzuchtfaktor bringt es Amenhotep I., dem gleich drei Generationen von Geschwisterehen vorausgegangen sein sollen.

DNA-Analysen umstritten

Allerdings ist bei so manchem königlichen Kind heute noch gar nicht eindeutig bewiesen, wer die Eltern waren. Oft ist die Mutter nicht bekannt, was die Bestimmung des Inzucht-Grades schwierig macht. DNA-Analysen könnten hier die besten Antworten geben, aber auch deren Beweiskraft wird ja aufgrund des Alters der Proben von manchen Forschern angezweifelt. Daneben gibt es ethische und konservatorische Vorbehalte dagegen, Mumien durch Materialentnahme für eine DNA-Probe zu beschädigen. Daher liegen solche Untersuchungen bisher nur für wenige Mumien vor. Körpergrößenbestimmungen durch Ganzkörperscans oder durch Berechnungen anhand der langen Beinknochen sind hier zumindest eine nicht-invasive Methode, um Rückschlüsse auf das Erbmaterial vornehmen zu können.

Wie aussagekräftig allerdings Statistiken sind, die auf sehr kleinen Untersuchungsgruppen basieren – die Größenangaben für die Normalbevölkerung des Neuen Reiches basieren auf 9 männlichen und nur 2 (!) weiblichen Mumien – muss bei der Ergebnisbetrachtung aber in jedem Fall berücksichtigt werden.
Die Untersuchungsergebnisse, die demnächst im American Journal Of Physical Anthropology veröffentlicht werden, sollten daher mit der gegebenen Vorsicht betrachtet werden.

Nachtrag 17.5.15:
Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass seit Erscheinen des vorliegenden Ergebnisberichts einige weitere Mumien des Alten und Neuen Reiches untersucht wurden, so dass die Untersuchungsgruppen nun größer seien. Die Daten der neuen Mumien bestätigen die bisherigen Ergebnisse und Schlussfolgerungen.

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