Zehenprothese einer Mumie aus einem thebanischen Grab, frühes 1. Jahrtausend v. Chr., Ägypt. Museum Kairo. © Universität Basel, LHTT. Foto: Matjaž Kačičnik

Prothetik im alten Äypten: große Zehenkunde

Ein internationales Forschungsteam hat die 3000 Jahre alte Holzprothese eines großen Zehs, die man an einer altägyptischen Mumie gefunden hatte, mit neuesten wissenschaftlichen Methoden erneut untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass es sich um eine hervorragende Arbeit handelt, sowohl was die Ästhetik angeht, als auch die verarbeiteten Materialien und vor allem die Alltagstauglichkeit der Prothese. Sie zeugt vom großen Wissen und Können der altägyptischen Mediziner und Kunsthandwerker.

Der Zeh stammt aus dem Grab TT95 in Scheich Abd el-Qurna, einem Feld von Noblengräbern auf Luxors Westbank. Das Grab wurde im 15. Jh.v.Chr. von einem Hohepriester des Amun mit Namen Meri für sich und seine Familie erbaut, aber in späteren Epochen mehrfach neu genutzt und auch durch neue Grabschächte erweitert. In einem solchen zusätzlichen Schachtgrab fand eine Delegation des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo in den 90er Jahren die Mumie einer ca. 50-jährigen Priestertochter aus der 3. Zwischenzeit (21./22. Dynastie). Obwohl die Mumie von Plünderern arg in Mitleidenschaft gezogen worden war, war der rechte Vorderfuß mit der Prothese noch verhältnismäßig gut erhalten, weshalb er auch ins Ägyptische Museum Kairo gebracht wurde, nachdem Fachleute aus München ihn untersucht hatten.


Blick von oben auf die Noblengräber von El-Qurna. Im Hintergrund das Ramesseum

Eine Prothese fürs diesseitige Leben

Nun wurde die Prothese erneut einigen Untersuchungen unterzogen, wie Mikroskopie, Röntgentechik und Computertomographie. Dabei fand man heraus, dass diese Prothese von der Frau zu Lebzeiten auch tatsächlich getragen worden war. Hierüber hatte es in der Vergangenheit immer wieder unterschiedliche Meinungen gegeben, denn andere an Mumien gefundene Ersatzgliedmaße waren den Leichnamen nur als „Platzhalter“ hinzugefügt worden, damit der Verstorbene im Jenseit „vollständig“ war. Bereits bei der Untersuchung des Fundes im Jahr 1999 hatte der Münchener Pathologe Andreas Nerlich Abnutzungsspuren an der Unterseite der Zehenprothese bemerkt. Trotzdem meinten andere Ägyptologen, darunter auch Zahi Hawass, dass diese Prothese zum Laufen ungeeignet und der Verstorbenen wohl erst nach ihrem Tod angelegt worden sei. Die neuen Untersuchungen beweisen nun aber: Die Holzprothese war durch die Priestertochter wirklich getragen und sogar mehrfach geändert und angepasst worden.

Selbst heute noch bequem

Nicht nur der Zeh selbst besteht aus Holz, auch der Schaft, mit dem er an den Fuß gebunden wurde, besteht aus zwei flachen Holzplatten, die durch sieben Lederbänder miteinander verbunden waren. Mit einem breiten Textilgewebe, das an Zeh und Platten befestigt war, wurde die Prothese an den Vorderfuß gebunden. Wie hoch entwickelt diese Prothese war, erkannte schon 2011 eine Studie der Universität Manchester an, in der zwei verschiedene altägyptische Zehprothesen von Probanden getestet worden waren. Die 3000 Jahre alte Prothese der Priestertochter wurde wegen ihrer Beweglichkeit von den Testpersonen gelobt und sogar als besonders bequem empfunden. Und auch die begleitenden filmischen und biomechanischen Analysen hatten ergeben, dass die Prothese ein guter Erstaz für einen verlorenen Großzeh war, auf dem beim Laufen ja bis zu 40% des Körpergewichts lasten können.

Ästethik und Ergonomie auf höchstem Niveau

Hinzu kommt, dass der Holzzeh besonders naturgetreu gearbeitet ist. Ursprünglich war wohl sogar der Zehennagel bemalt. Die Tochter des Priesters hatte somit nicht nur eine Geherleichterung, sondern auch einen täuschend echt nachgemachten Zeh, der vermutlich kaum auffiel.

Diese Großzehenprothese ist eine der ältesten bekannten Prothesen überhaupt. Die Expertise, mit der sie gearbeitet ist, ist daher besonders bemerkenswert und zeigt, wie weit entwickelt das Wissen um Medizin und Biomechanik auch im alten Ägypten bereits war.

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