Jäger mit Jaghdhund und Manguste an der Leine. Grab des Baqet I, Beni Hassan. Foto: Linda Evans, Australian Center for Egyptology, Macquarie Universität, Sydney

Spaziergang mit einer Manguste? Ägyptologen staunen.

Die 4000 Jahre alten Gräber der Nekropole von Beni Hassan wurden nach Reinigungs- und Konservierungsarbeiten nun erneut wissenschaftlich untersucht. Dabei gab es einige dicke Überraschungen, denn man fand Abbildungen, die noch niemand zuvor gesehen hatte. So konnten die Forscher bestätigen, dass es hier tatsächlich das weltweit einzige Abbild einer an einer Leine geführten und anscheinend domestizierten Manguste gibt. Außerdem fanden die Wissenschaftler die ebenfalls sehr ungewöhnliche und farbenfrohe Darstellung eines Pelikans sowie von Fledermäusen und sogar Schweinen.

Beni Hassan liegt 25 km südlich von El-Minya in Mittelägypten. Die dort in eine Klippe über dem Fluss geschlagenen 39 Felsengräber stammen aus dem Mittleren Reich. Sie waren im 19.Jh. entdeckt und ab 1893 vom britischen Ägyptologen Percy Edward Newberry untersucht und beschrieben worden. Nur 12 dieser 39 Gräber sind dekoriert. Diese Wandmalereien hatte das Antikenministerium kürzlich reinigen und konservieren lassen. Nach über 100 Jahren war es nun wirklich Zeit für eine Revision dieser frisch gereinigten Grabdekorationen. Mit Newberrys Beschreibung unterm Arm nahm ein Forscherteam um Dr. Linda Evans von der australischen Macquarie Universität in Sydney nun sieben dieser Gräber genau unter die Lupe. Jedes Bild auf jeder Wand wurde fotografiert und digitalisiert.


Dabei wurden nicht nur Fehler in Newberrys Beschreibungen gefunden sondern auch Szenen entdeckt, die er entweder übersehen hatte, oder die damals noch gar nicht sichtbar waren, weil sie erst durch die kürzliche Reinigung zutage traten. Insgesamt zeigten sich in den Gräbern viele sehr ungewöhnliche Tierdarstellungen, weshalb die Forscher nun daran arbeiten, diese Besonderheit der Felsengräber Beni Hassans zu untersuchen und zu publizieren. Ein erster vorläufiger Bericht wurde nun im Journal of the American Research Center in Egypt veröffentlicht.

Ein Ichneumon an der Leine

Umrisszeichnung der Jagdszene im Grab des Baqet I, Ostwand. Linda Evans, Australian Center for Egyptology, Macquarie Universität, Sydney

Ein sehr außergewöhnliches Bild stammt aus dem Grab des Baqet I, der während der 11. Dynastie lebte. Auf der Ostwand, auf der in fünf Registern dem Verstorbenen Grabbeigaben präsentiert werden, ist im zweiten Register von oben auch eine Jagdgruppe mit mehreren Personen zu sehen, die verschiedene Waffen tragen: das Wurfholz, Köcher, Bogen, Messer und Speer. Einer dieser Jäger führt zwei Tiere an Leinen mit sich: einen Jagdhund und ein hundeähnliches Tier, das aber viel kürzere Beine und einen kleineren Kopf als ein Hund hat. Schon Newberry hatte vor über 100 Jahren vermutet, dass es sich hier um eine Manguste (engl. mongoose) handelt. Da man aber zuvor nirgendwo in Ägypten die Abbildung einer angeleinten Manguste gesehen hatte, war Newberrys Interpretation von anderen Ägyptologen in Zweifel gezogen worden. Man hatte gemutmaßt, dass es sich hier vielleicht eher um einen weiteren Hund handeln könne.

Das nun gereinigte Bild zeigt aber eindeutig ein Ichneumon (Egyptian mongoose), meint Linda Evans. Nicht nur, dass die Abbildung morphologisch diesem Tier ähnelt, Evans fand auch ein weiteres, bisher unbekanntes Bild einer weiteren Manguste an der Nordwand dieses Grabes. Die Darstellung ist also kein Zufall oder die „verunglückte“ Zeichnung eines Hundes, sondern tatsächlich ein Ichneumon, das anscheinend brav an der Leine seines Führers läuft.

Neu entdeckte Marschlandszene im Grab des Baqet I, Nordwand. Ichneumon und Ginsterkatze vor Nest mit Küken. Linda Evans, Australian Center for Egyptology, Macquarie Universität, Sydney

Ichneumons können bis zu 70 cm Körperlänge erreichen (plus 30-50 cm Schwanz) und zählen damit zu den größten Arten der Familie der Mangusten, zu denen übrigens auch die bekannteren Erdmännchen oder die Mungos gehören. Ichneumons wurden im alten Ägypten verehrt; man verewigte sie nicht nur in Zeichnungen sondern auch in Statuetten und mumifizierte sie sogar. Sie waren nicht nur deshalb nützliche Tiere, weil sie Ratten und Mäuse vertilgten, sondern auch, weil sie sich sogar erfolgreich mit Giftschlangen anlegten. Im Französischen heißen sie vermutlich deshalb auch „rat des pharaons“ (Pharaonenratte) und Evans verweist auf die ägyptische Mythologie, nach der sich mancher Gott in ein Ichneumon verwandelt haben soll, um gegen die böse Schlange Apophis zu kämpfen.

Schon im alten Reich hatte es Marschlandszenen gegeben, in denen Mangusten das Schilf durchstöbern, auf der Suche nach den Nestern und Gelegen von Wasservögeln, so dass die Jäger mit ihren Wurfhölzern und Speeren die aufgescheuchten Vögel leichter erbeuten konnten. Dass ein solches Raubtier aber tatsächlich an der Leine geführt werden konnte und wie ein Haustier ein Halsband trug, das war zumindest für Ägypten bisher unbekannt, wenngleich es aus späteren Epochen in verschiedenen orientalischen Mosaiken Abbildungen gibt, in denen anscheinend gezähmte Mangusten gegen Schlangen kämpfen.

Sieh an, sieh an, ein Pelikan

Farbenfroher Pelikan im Grab des Baqet II, Beni Hassan. Linda Evans, Australian Center for Egyptology, Macquarie Universität, Sydney

Drei der sieben weltweit bekannten Pelikanarten überwintern in Ägypten oder passieren das Land während ihrer jährlichen Wanderung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die alten Ägypter diesen Wasservogel kannten und ihn bereits in den Pyramidentexten des Alten Reichs beschrieben. Es gab sogar eine Pelikan-Hieroglyphe, die als Determinativ verwendet wurde. Künstlerische Abbildungen des Pelikans sind jedoch sehr selten und entstammen alle entweder dem Alten oder dem Neuen Reich. Der nun im Grab des Baqet II (ebenfalls 11. Dyn.) neu entdeckte Pelikan stellt die erste Abbildung dieses Vogels aus dem Mittleren Reich dar. Dazu ist es einige der wenigen kolorierten Darstellungen, deren Farben sich bis heute erhalten haben.

Auch die Darstellung mit dem Pelikan ist eine bisher unbekannte Marschlandszene, die Newberry nicht aufgezeichnet hatte. Sie findet sich auf der Nordwand des Grabes von Baqet II. Über einem Dickicht aus Papyrus stehen bzw. fliegen neben dem Pelikan auch verschiedene andere Wasservögel: zwei Enten, ein Reiher und sogar ein Kormoran. Die farbigen Details des Pelikans sind auch 4000 Jahre nach seiner Schöpfung noch erstaunlich gut erkennbar. Kopf, Körper und Flügel sind lachsfarben bzw. rosa. Schnabel und Kehlsack sind zitronengelb gemalt und die Federn an den Flügeln sind weiß und haben schwarze Spitzen. Brust und Kehle sind ebenfalls in Weiß dargestellt, ein dunkleres Gelb umrandet das rotbraune Auge. Von der Farbe der Füße ist nur noch wenig erhalten, es war aber wohl ein dunkles Pink. Evans und ihr Team glauben daher, dass es sich hier um einen Vertreter der Rosapelikane (great white pelican) handelt, die während der Brutzeit eine ähnliche Farbgebung haben. Zwar brüten diese Pelikane heute nicht mehr in Ägypten, vor 4000 Jahren haben sie es aber anscheinend getan.

Umzeichnung einer Malerei auf der Nordwand im Grab des Baqet II, mit Pelikan, Ente, Reiher und Kormoran. Linda Evans, Australian Center for Egyptology, Macquarie Universität, Sydney

Der Batman unter den Baqets

Baqet I, Baqet II… – richtig: Es gibt noch mehr davon! Das Grab des Baqet III hat ebenfalls ungewöhnliche Darstellungen von Tieren. Da Linda Evans die Bilder und Ergebnisse dieses Grabes aber in einer späteren wissenschaftlichen Publikation herausbringen will, wollte sie uns davon hier noch keine Fotos zur Verfügung stellen. Schon Newberry hatte auf der Nordwand dieses Grabes eine Ansammlung von 29 Vögeln und sogar drei Fledermäusen beschrieben! Die bisher bekannten Darstellungen von Fledermäusen im alten Ägypten kann man an einer Hand abzählen; es ist daher schon eine kleine Sensation, wenn Linda Evans verrät, dass sie eine weitere, bisher unbekannte Szene mit zwei weiteren Fledermäusen gefunden hat. Bilder davon sollen bald in einem anderen wissenschaftlichen Journal erscheinen. Wir werden die Augen offen halten.

Und die Moral von der Geschicht‘

Grundsätzlich ist es auffällig, wieviele verschiedene Vogelarten in den Felsengräbern von Beni Hassan dargestellt sind. Vermutlich hatten Vögel eine besondere Bedeutung im sogenannten Gazellengau, wie dieser Bezirk im alten Ägypten hieß. Vielleicht war diese Gegend eine Zwischenstation für viele Zugvögel auf ihrer Wanderschaft durch Ägypten hindurch, so wie der kleine Maskenwürger, der im Grab des Khnumhotep II dargestellt ist.

Es wäre allerdings auch möglich, dass die Vogelbilder in den Gräbern eine symbolische Funktion hatten. Insbesondere der Pelikan taucht in den pharaonischen Schriften öfters auf; in den Pyramidentexten wird er als die Mutter des Königs bezeichnet und gleichgesetzt mit der Göttin Nut. Später wird er auch in Sargtexten und im Totenbuch erwähnt, wobei es hier meist um seinen großen Schnabel geht, der als Tor zum Grab galt und aus dem die Seele auch wieder herauskommen konnte, um in den Himmel zu fliegen und dort zu einem Stern zu werden. So, wie die Pelikane die Nahrung an ihre Jungtiere auch aus ihrem Schnabel wieder herauslassen.

In einem anderen Text sitzt der Pelikan am östlichen Horizont und beobachtet die Wiedergeburt des Verstorbenen als Stern. Vielleicht also hatte Baqet II den Pelikan ganz bewusst in seinem Grab platziert, damit dieser ihm bei seiner Wiedergeburt helfen sollte. Angesichts der vielen verschiedenen und teils ungewöhnlichen Tierarten, die sich in Beni Hassan finden, ist es aber auch möglich, dass man einfach nur die Schönheit und Vielfalt von Mutter Natur darstellen und sie vielleicht ins nächste Leben mitnehmen wollte.

Zwei der Beni-Hassan-Gräber sind vom Team der Macquarie Universität bereits vollständig erforscht: das des Khnumhotep II und das von Amenemhet, wobei die Publikation des letzteren Grabes noch aussteht. Nach dem hier erwähnten Vorbericht über die angeleinte Manguste und den Pelikan bereitet Linda Evans nun einen weiteren vorläufigen Bericht über ungewöhnliche Tierdarstellungen vor. Dabei wird es nicht nur um die bereits erwähnten Fledermäuse gehen, sondern – man höre und staune – sie kündigt auch Schweine an, eine Tierart, die in altägyptischen Darstellungen ebenfalls äußerst selten ist. Und sie wird darin auch andere neu entdeckte Szenen vorstellen, in denen es z.B. um das Fallenstellen und Fangen von Tieren geht. In ein paar Monaten soll es soweit sein, meint Evans. Man darf gespannt sein…

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