Und nun doch: Scans enthüllen Anomalien nahe Tutanchamuns Grab

Wissenschaftliche Akribie oder Neverending Story? Es ist jedenfalls Zeit für eine neue Sensationsmeldung zum Thema „Das Grab des Tutanchamun und die Radaruntersuchungen“! Das italienische Team um den Leiter Francesco Porcelli, Professor für Physik an der Polytechnischen Universität Turin, das im Frühjahr 2017 die letzten Radarscans in Tuts Grab durchgeführt hatte, berichtet nun in einem wissenschaftlichen Artikel über zwei Anomalien, die sie im Umfeld von Tuts Grab KV62 entdeckt haben! Allerdings glauben sie zu diesem Zeitpunkt nicht, dass die Anomalien mit Tutanchamuns Grab zusammenhängen.

Der Anfang: die außergewöhnliche Theorie

Wie war das alles noch einmal gekommen? 2015 hatte der britische Ägyptologe Nicholas Reeves auf den hochauflösenden 3D-Bildern, die zur Erstellung der Replik von Tuts Grab aufgenommen worden waren, Hinweise auf Durchgänge in zwei Wänden der Grabkammer entdeckt. Daraufhin hatte er eine Theroie entwickelt, nach der Tuts Grab nur der vordere Teil eines größeren Grabes sein könnte. Dieses größere Grab müsste dann – seiner Meinung nach – den üblichen, rechtsabknickenden Grundriss eines Königinnengrabes haben. Vielleicht also das Grab von Tuts Mutter/Stiefmutter Nofretete?

Drei Radarteams, zwei Meinungen

Diese Theorie schlug natürlich große Wellen und das Antikenministerium ließ Ende 2015 den japanischen Radarspezialisten Hirokatsu Watanabe Bodenradarscans durchführen. Der war sich sicher: Es gibt Hohlräume hinter diesen Wänden! Nur wenige Monate später kam dann aber ein Team von National Geographic zu dem gegenteiligen Ergbnis: keine Indizien für geheime Kammern! Ein drittes Team um den Italiener Francesco Porcelli wurde eingeschaltet. Der teilte im Mai 2018 mit, dass die Daten zwar noch nicht endgültig analysiert seien, dass es aber bislang keine Hinweise auf geheime Kammern hinter den Wänden von Tuts Grabkammer gäbe.

ERT-Scans zeigen Bodenanomalien bei Tuts Grab

ERT-Scanpunkte und -linien um KV62. Bild: Reproduktion mit frdl. Genehmigung der Autoren. F. Fischanger et al.: »Geophysical anomalies detected by electrical resistivity tomography in the area surrounding Tutankhamun’s tomb«, in: »Journal of Cultural Heritage«, Vol. 36/2019, S.63-71.

Neben den gezielten Bodenradarscans in der Grabkammer hatte sein Team aber auch geoelektrische Scans (ERT, electrical resistivity tomography) des ganzen Tals der Könige durchgeführt, und dabei natürlich auch rund um Tuts Grab KV62 Aufnahmen gemacht. Diese Art Scans könnten als Vorbereitung und als Bereicherung der Bodenradarscans innerhalb der Grabkammer angesehen werden, schreibt das italienische Tam nun in einem wissenschaftlichen Artikel in der aktuellen Ausgabe des »Journal of Cultural Heritage«. Darin berichten sie von zwei geophysikalischen Anomalien, die nur wenige Meter neben Tuts Grabkammer liegen.

West-Ost-Schnitt mit ERT-Scanergebnissen. Bild: Reproduktion mit frdl. Genehmigung der Autoren. F. Fischanger et al.: »Geophysical anomalies detected by electrical resistivity tomography in the area surrounding Tutankhamun’s tomb«, in: »Journal of Cultural Heritage«, Vol. 36/2019, S.63-71.

Die erste Anomalie liegt etwa 6m unter der ansteigenden Oberfläche des Hügels und ist ca. 5x8m groß. Sie liegt ungefähr 12m entfernt von der Nordwand in Tuts Grabkammer, liegt allerdings auch ungefähr 5-10m höher als diese. Die zweite Anomalie liegt in nordöstlicher Richtung, zwischen dem Fuß des Hügels und dem heutigen Grabeingang, in etwa 5m Tiefe und ist etwa 4x15m lang. Sie liegt nur wenig höher als die Grabkammer Tutanchamuns.

Ursache für Anomalien noch unbekannt

Solche geoelektrischen Anomalien können auch durch sehr luftig aufgeschüttetes Geröll verursacht werden, bspw. wenn ein Schacht oder ein Grabungsversuch, der zu nichts führte, mit groben Steinen wieder verfüllt wurde. Und gerade Anomalie 2 liegt in einem Gebiet, das in früherer Zeit vermutlich von archäologischem Interesse war. Dass allerdings an der Stelle, wo die Anomalie Nr. 1 liegt, schon einmal gegraben wurde, halten die Forscher aber für sehr unwahrscheinlich. Sofern also diese Anomalie menschengemacht ist, könnte sie durchaus altägyptischen Ursprungs sein – und im besten Fall ein bisher unentdecktes Grab.

Allerdings nehmen die Forscher in den letzten Sätzen ihres wissenschaftlichen Artikels den Dampf wieder heraus, denn sie betonen, dass beide Anomalien beim gegenwärtigen Stand der Analysen vermutlich nicht mit Tutanchamuns Grab verbunden sind. Um genauere Aussagen machen zu können müssten sie allerdings weitere ERT-Scans durchführen; und es würde auch helfen, wenn man sie mit Bodenradarscans aus den beiden benachbarten Gräbern KV62 und KV9 abgleichen könnte. Ob solche weiterführenden Scans bereits terminiert sind, sagt der Artikel leider nicht.

Angesichts der Tatsache, dass die beiden in unmittelbarer Nachbarschaft liegenden Gräber KV62 (Tutanchamun) und KV9 (Ramses V/VI) sich als ähnliche Anomalien auf den Scans zeigen, und dass ein zu Anomalie Nr. 1 passender Hohlraum ungefähr die gleiche Größe wie KV62 hätte, sind die vorgestellten Ergebnisse dann aber doch wieder ziemlich spannend – auch ohne einen Bezug zu Tutanchamun!

Nachtrag 16. März:
Durch diesen Fund bekommt die Theorie von Nicholas Reeves natürlich neuen Schwung, auch wenn die Italiener zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen können, dass die Anomalien eine Verbindung zu Tutanchamuns Grab haben. Aber es ist ja interessant, dass beide Anomalien nördlich von seinem Grab liegen: Anomalie 1 etwas nordwestlich und Anomalie 2 nordöstlich. Nach Reeves‘ „Grab-in-Grab Theorie“ sollte genau in dieser Richtung, also hinter der Nordwand von Tuts Grabkammer, ein Korridor weitergehen und irgendwo eine Grabkammer liegen, wenn es sich um bspw. Nofretetes Grab handeln würde. Dass dieser Korridor nun 10-12m lang sein müsste, bis man bei der Anomalie 1 wäre, spricht nicht unbedingt gegen die Theorie, denn viele Gräber im Tal der Könige haben einen längeren Korridor, bevor man zu den Kammern kommt. Allerdings gehen Gräber eigentlich eher nach unten, Anomalie 1 soll aber um einige Meter höher liegen als Tuts Grabkammer. Und das wäre dann doch sehr ungewöhnlich, wenn es am Ende eines Korridors dann eine Treppe hoch zu einer Grabkammer ginge (oder der Korridor selbst bergauf führte).
Jedenfalls wird seit Bekanntwerden dieses wissenschaftlichen Artikels des italienischen Teams in der „Szene“ bereits wieder heftig spekuliert und telefoniert, wie wir aus berufenem Munde erfahren haben. Hoffen wir mal, dass diesen Spekulationen auch nachgegangen wird!

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3 Kommentar(e)

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  • Uta Wolfenstädter

    Ja danke für die Übermittlung. Bin weiterhin interessiert an Neuigkeiten.

  • Jolly Thews

    Keine Sorge, Uta. Wir werden jede Neuigkeit zu diesem Thema beobachten und Handfestes schnellstens veröffentlichen!

  • Anubis

    Überrascht bin ich nicht, denn die Irritationen zeigen eher, dass dort etwas ist. Es nervt halt etwas, dass man so ewig braucht. Oder wird nur troepfchenweise die Schatulle geöffnet?

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