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Das war die Parade an der Sphingen-Allee

Der Abend begann mit Suchen. Wo wird das denn jetzt übertragen? Ich fand nirgends einen Hinweis oder einen Countdown. Entgültig für Verwirrung sorgte mein Mitschreiber Jolly mit der Nachricht, er könne schon die Moderatorin sehen. Häh? Hektisches Gesuche, bis die Verwirrung aufgelöst wurde. Jolly hatte das Video der Mumienparade im April gestartet. 😀 Aber schließlich fand ich dann doch den Countdown bei Experience Egypt.

Und man ist für ägyptische Verhältnisse erstaunlich pünktlich. Um Punkt 19.30 Uhr Ortszeit geht es tatsächlich los. Als erstes werden einige Stätten wie das Tal der Könige vorgestellt, bis man schließlich aufgrund der Tonqualität kaum mehr was hört, aber man sieht zumindest den Präsidenten al-Sisi in allerbester (Plauder-)laune, der vom Antikenminister Khaled el-Anani am Luxortempel im Empfang genommen wird. Die gesamte Sphingen-Allee war übrigens aus Sicherheitsgründen tatsächlich abgesperrt worden. Den ganzen Tag fuhr kein Boot und keine Fähre ans andere Ufer, alle Geschäfte und Restaurants mussten schließen und außer geladenen Gästen und Journalisten war nirgends Publikum zu sehen.

Der Antikenminister führt den Präsidenten durch den Luxor-Tempel, während wir jede Menge Informationen über den Luxor-Tempel erfahren. Spätestens als al-Sisi zu seinem, Ehrenplatz vor einer im Luxor-Tempel aufgebauten Leinwand metert, wünscht man sich einen Vorspulknopf. Jetzt kann die eigentliche Parade doch mal endlich losgehen. Aber wir brauchen noch jede Menge Geduld.

Tribüne im Luxor-Tempel
Screenshot: Youtube

Es wird wieder zu einigen Stätten in Luxor geschaltet, wie dem Hatschepsut-Tempel oder dem Luxor-Museum. Eine Dame, die aussieht, als sei sie gerade in die Schlangengrube gefallen, begrüßt die Anwesenden.

Mohamed Hamaki gibt ein hübsches, Luxor-patriotisches Lied zum Besten. Ich entscheide mich dafür, meinen Nachbarn die Schönheit arabischer Musik anzupreisen und schalte meine Lautsprecher auf Anschlag, aber der Ton ist für meinen Geschmack trotzdem noch viel, viel zu leise. Schade. Ein paar hübsche Tanzformationen an verschiedenen Orten in Luxor wie dem Souk und vor den Heißluftballons erinnern mich ans weit entfernte Bollywood. Selbst das Winter Palace hat seine Pforten geöffnet und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, als ein paar als Dienstmädchen verkleidete Tänzerinnen ins Bild springen. Das passt ja so gar nicht, waren aber immerhin die vielleicht authentischsten Kostüme an diesem Abend… Eine Sängerin namens Lara singt das Lied auf englisch und französisch weiter und traditionelle Stocktänzer zeigen viel zu kurz ihr Können. Zumindest kann man nun erahnen, warum in den letzten Wochen so viel Remmidemmi auf der Eastbank gewesen ist. Das wird alles aufgezeichnet gewesen sein. Jetzt sehen wir immerhin schon die Parade der Kaleschenfahrer, die ihre Kaleschen mit hellen Lichtern geschmückt haben. La la la la laa… Ach schade, schon zu Ende.

Stargate am Ramesseum
Screenshot: Youtube

Es folgt erneut ein laaaaanger Werbefilm über Luxor, wo angeblich jeden Tag eine neue Entdeckung gemacht wird (jaa, davon träumt nicht nur Selket’s Blog…). Ein buntes Gemisch aus Luxors Einwohnern und deren Traditionen werden eingespielt. Zugereiste und Archäologen kommen zu Wort (wo war denn eigentlich Zahi Hawass an diesem Abend? – saß dann doch unter den Zuschauern, wie mir eine aufmerksame Leserin mitteilte. Hätte mich auch gewundert…). Und am Ende des Werbefilms folgt natürlich die obligatorische Aufforderung, Luxor zu besuchen. Der gut gemachte Film hat bei mir tatsächlich Fernweh geweckt.

Bei der nächsten Gesangs- und Tanzeinlage hat man sich gerade erst eingeschwoft, als sie auch schon zu Ende ist. Die Dame aus der Schlangengrube gibt an den Antikenminister weiter, der nun hoffentlich nach anderthalb Stunden die eigentliche Parade einleitet.

Bevor es richtig losgeht, noch schnell ein Reinigungsritual
Screenshot: Youtube

Und ja, da ist sie wieder, die Latschenfilm-Musik, die auch schon die Mumien-Parade eingeleitet hat und wir sehen die ersten kostümierten Statisten durch den Karnak-Tempel schreiten. Einige der Herren tragen das eigentlich nur königliche Nemes-Kopftuch, was mich ja auch jedes Mal bei den besagten Latschenfilmen ärgert. Also ein bisschen authentischer hätte man ja schon sein können, aber egal.

Eine Sängerin mit wunderschöner Stimme intoniert feierlich ein altägyptisch klingendes Lied. Die Texte aus den Liedern sind von den altägyptischen Tempeltexten zum Opet-Fest inspiriert worden – eine der wenigen Informationen, die vor der Parade veröffentlicht wurden. Nun springt der Chor ein und kostümierte Menschen mit, äh, riesigen Leuchtstäben schreiten durch das Tor des Chons-Tempels.

Die Prozession mit den Leuchtstäbe-Trägern voran, startet im Chons-Tempel / Karnak
Screenshot: Youtube


Die Barke des Amun mit dem Widderkopf setzt sich in Bewegung, gefolgt von der mit Mut und Chons. Eine Barke mit einer riesigen illuminierten Sonnenscheibe, die unter die Kategorie „künstlerische Freiheit“ fällt, begleitet ebenfalls die Prozession. Überall Tänzer*innen, Barkenträger, Weihrauchträger, Leuchtstäbe-Träger. Und bei all der güldenen Pracht, werden jetzt wahrscheinlich all diejenigen, die die Mumienparade schon doof-kitschig fanden, weggeschaltet haben.

Die Barkenprozession geht los
Screenshot: Youtube


Wir sehen die Sphingen-Allee aus der Vogelperspektive. Ein Strahler nach dem anderem wird die gesamte Sphingen-Allee eingeschaltet. Wow! Die alten Ägypter haben die Opet-Fest Prozession vermutlich tagsüber gemacht, weil sie nicht so viele LEDs hatten….

Es werde Licht
Screenshot: Youtube

Mehrere Sänger*innen und Chöre begleiten die Parade an verschiedenen Schauplätzen, wo es auch unterschiedliche Aufführungen zu sehen gibt. Der Hatschepsut-Tempel, mit einer Sängerin und Musikerinnen mit unterschiedlichen Instrumenten, wird eingeblendet, Tänzerinnen tanzen im Wasser vor einer riesigen Mondscheibe. Auf einer illuminierten Barke auf dem Nil zeigen weitere Tänzerinnen (und noch mehr Leuchtstäbe-Träger) ihr Können.

Dancing in the Moonlight
Screenshot: Youtube

Die Tänzer*innen auf der eigentlichen Parade legen sich mächtig ins Zeug. Und gerade als ich mich frage, wo die denn nun eigentlich sind, wird die Prozession schon vor dem Luxor-Tempel eingeblendet. Also die werden ja wohl kaum die 2,7 km lange Strecke geflogen sein! Und an den schweren Barken wird es wohl auch nicht gelegen haben, die auf einem rollbaren Untersatz und Pseudo-Trägern das Teilstück der Sphingen-Allee entlang gerollt sind….

Die Prozession schreitet auf die geladenen Gäste rund um Präsident al-Sisi zu und die Sängerin mit der wundervollen Stimme intoniert wieder das feierliche Lied bevor die Aufführung mit fetziger arabischer Musik und Tanz endet.

Feuerwerk-Finale
Screenshot: Youtube

Nach einem wohwollenden Applaus von Al-Sisi und seiner Frau startet ein bombastisches Feuerwerk. Die Zuschauer im Luxor-Tempel erheben sich… und dann ist es abrupt zu Ende. Der Abspann geht gefühlt länger als die eigentliche Parade. Da hätte ich mir mehr gewünscht. Die Mumien-Parade hatte schon irgendwie mehr Wums, zumindest sorgte sie bei mir für mehr Gänsehautmomente. Aber trotzdem war es ein unterhaltsamer Abend mit toller, mitreißender Musik und einer Prozession, die wahrlich nur vom Opet-Fest inspiriert wurde. Alles in allem ein guter Werbefilm für Luxor…

Die Parade könnt ihr auf dem YouTube Kanal von ExperienceEgypt anschauen.

Aktualisiert am 26.11.2021

4 Gedanken zu „Das war die Parade an der Sphingen-Allee“

  1. Danke für die tolle Beschreibung, wie du das empfunden hast. Ich denke so oder so ähnlich ging es vielen.
    Bei mir ist auch Fernweh in den Vordergrund gerückt.

  2. Das hatte soviel mit dem Ipet-Fest gemeinsam , wie arabische Herrscher mit Demokratie.
    Am besten waren die Barken, und die LEDs…aber der Regisseur gehört in die Kupferminen des Sinai „hinweggelobt“!

    nds=wj rwh3 pn 😣

  3. also diese nachgestellte barken prozession würde ich auch gerne einmal miterleben…
    das tanzen im mondlicht können sich dann andere ansehen 🙂

  4. Ich fand das gesamte Spektakel eigentlich sehr gelungen. Gewiss, es war stellenweise etwas zäh und etwas hart am Kitsch, aber für mich hat das in seiner Gesamtheit den Genuss eher nicht geschmälert. Ich bedauere nur unendlich, dass sich das Ganze nicht wiederholen lässt, denn ich als glühender Ägypten-Fan wäre gerne dabei gewesen.

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