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Hunderte Artefakte in Schutthaufen unter dem Hatschepsuttempel entdeckt

Die polnisch-ägyptische Delegation, die seit den 1960er Jahren am Hatschepsut-Tempel in Deir el-Bahari arbeitet, machte in den beiden Grabungszeiträumen dieses Jahres (Frühjahr und Herbst) in einem unter der Hathor-Kapelle gelegenen Grab aus dem Mittleren Reich eine überraschende Entdeckung. In einem Haufen von Geröll, das bisher als bloßer Schutt in diesem nie gänzlich geleerten Grab galt und daher auch nie näher untersucht worden war, fand man nun Spuren zweier Begräbnisse sowie mehrere hundert Opfergaben an die Göttin Hathor, die Schutzgöttin der thebanischen Nekropole und Beschützerin der Toten.

Seit 2020 arbeitet die Delegation des Polnischen Zentrums für Mediterrane Archäologie der Universität Warschau (PCMA UW) an der Konservierung der Hathorkapelle, die sich auf der linken Seite der mittleren Terrasse des Hatschepsut-Tempels befindet. Die Wissenschaftler sollen die reichen Wanddekorationen sichern und die Innenräume auch für Besucher zugänglich machen.

Lage der Hathor-Kapelle im Hatschepsut-Tempel. Foto: selket.de

Im Frühjahr 2021 befassten sich die Forscher auch mit dem Prozessionsweg zu diesem Hathor-Heiligtum, an dessen Ende – und somit unter der Kapelle – das unterirdische Grab aus dem Mittleren Reich liegt.

Lage des Grabes MMA 28 am Hatschepsuttempel. Foto: selket.de

Das Grab MMA 28

Dieses Grab aus der Zeit von Mentuhotep II. (11. Dyn., ca. 500 Jahre vor Haschepsut) war schon im 19. Jh. von dem Schweizer Ägyptologen Henri Édouard Naville gefunden worden, der damals für den Egypt Exploration Fund unterwegs war. Die Bezeichnung »MMA 28« erhielt das Grab aber erst in den 1920er Jahren, als eine amerikanische Delegation, darunter auch der Ägyptologe Herbert Eustis Winlock, Ausgrabungen am Hatschepsut-Tempel vornahm. Winlock, der beim Metropolitan Museum of Art (MMA) angestellt war, nummerierte etwa 40 Gräber auf Luxors Westbank mit dieser MMA-Bezeichnung. Heute sind eher die Grabbezeichnungen als „TT…“ (Theban Tombs) gebräuchlich – dieses spezielle Grab unter der Hathor-Kapelle in Deir el-Bahari erhielt allerdings nie eine TT-Nummer.

Grundriss des Grabes MMA28. Bild: PCMA UW

Das in den Fels geschlagene Grab besteht aus einem 15m langen, abfallenden Gang und der anschließenden Grabkammer. Diese hat eine Mulde im Boden, in der einmal der Sarg des (bislang noch) unbekannten Grabinhabers lag. Aus Navilles Aufzeichnungen geht hervor, dass schon damals der Gang mit diesem Schutt angefüllt war, den er allerdings nicht als vielversprechend empfand und ihn daher nicht näher untersuchte. Auch die bereits erwähnte amerikanische Mission, in der Winlock arbeitete, hatte das ähnlich gesehen und den Schutt unbeachtet gelassen. Ein Fehler, wie sich nun zeigte.

Da die polnisch-ägyptischen Wissenschaftler um ihren Leiter Dr. Patryk Chudzik besorgt waren, ob ihre aktuelle Arbeit an der Hathor-Kapelle evtl. das darunter liegende Grab beeinträchtigen oder gar zum Einsturz bringen könnte, betraten sie es und sahen sich um. Dabei „stolperten“ sie über die große Ansammlung von Schutt, der ca. einen halben Meter hoch den gesamten, 15m langen Gang zur Grabkammer füllte (siehe Titelbild), und der noch nie wirklich genau untersucht worden war. Bei näherem Hinsehen fanden die polnischen und ägyptischen Archäologen in diesem Schutt nun nicht nur Teile der originalen Grabausstattung aus dem frühen Mittleren Reich, sondern auch außerordentlich viele Hathor-Votivgaben aus dem Neuen Reich und Reste einer weiteren Bestattung aus der späten 20. Dynastie.

Was die Fundstücke über die Grabinhaber verraten

Wie die Funde belegen, gab es mindestens diese drei genannten Nutzungen: ein Grab im Mittleren Reich, eine Opfergaben-Deponie im Neuen Reich und eine erneute Nutzung als Grab am Ende des Neuen Reiches. Angelegt wurde das Grab in der 11. Dynastie, zur Zeit Mentuhoteps II., der Ober- und Unterägypten nach der sogenannten 1. Zwischenzeit wieder vereinigte und so die Epoche des Mittleren Reiches begründete. Prunkstück der Artefakte aus dieser Zeit ist eine hölzerne Statue, die aller Wahrscheinlichkeit nach den Grabherrn darstellt. Sie zeigt einen Mann mit einer kurzen Perücke. Wie schon Winlock vor 100 Jahren, so vermutet heute auch Chudzik, dass es sich hier um das Grab eines Prinzen handeln könnte, also eines Sohnes von König Mentuhotep II., der ja auch in diesem Tal begraben wurde und dessen Totentempel hier stand. Mehr wollte Dr. Chudzik uns darüber aber noch nicht verraten, weil die Fundstücke erst endgültig ausgewertet werden müssten. Er schreibe aber bereits an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung darüber, kündigte er an.

Die zweite, spätere Bestattung in diesem Grab wird belegt durch Fragmente eines Sarges, den die Forscher »gelber Sarg« nennen. Solche Särge seien typisch für die späte 20. und die 21. Dyn., schrieb uns Chudzik. Aufgrund der Darstellungen auf dem Sarg vermutet er, dass dieser in die früheste Zeit „gelber“ Särge, also noch in die 20. Dynastie, gehört. Entsprechende Untersuchungen dazu seien aber noch im Gange. Vermutlich wurde in diesem Sarg eine Frau bestattet, glaubt er, aber Gewissheit darüber werde man erst nach entsprechenden anthropologischen Studien haben, die in der kommenden Saison durchgeführt werden sollen.

Fundstücke im Grab unter dem Hatschepsuttempel. Fotos: Maciej Jawornicki, PCMA UW

Das Grab als Müllschlucker

Überraschenderweise sind unter den Fundstücken auch mehrere hundert Votivgaben an die Göttin Hathor, die zu keiner der beiden Bestattungen gehören, sondern wohl eher mit dem von Königin Hatschepsut darüber erbauten Hathor-Heiligtum in Zusammenhang stehen. Unter diesen Opfergaben sind die ältesten zwar aus der 18. Dyn., also der Zeit Hatschepsuts, die meisten stammen aber aus der 19. und 20. Dynastie. Besonders häufig sind dabei kleine Fayence-Figuren nackter Frauen, deren lange Zöpfe über die Schultern fallen, und die die Göttin Hathor darstellen sollen. Aber auch Amulette mit dem typischen Hathorkopf (ein Frauengesicht mit Kuhohren) sind darunter, sowie Tonfiguren von Kühen (der Tiergestalt der Göttin) und zahlreiche Keramikgefäße mit modellierten Brüsten oder floralen Motiven, welche die Wiedergeburt im Land der Toten symbolisieren.

Frauenfiguren aus Fayence, die Hathor darstellen sollen. Foto: Maciej Jawornicki, PCMA UW

Diese vielen hundert Fundstücke mit Bezug zur Göttin Hathor lagen so dicht beieinander in dem Schutthaufen, dass die Archäologen denken, dass sie wohl innerhalb eines kurzen Zeitraumes dort deponiert und seit der antiken Zeit anscheinend auch nicht bewegt wurden. Dr. Chudzik vermutet, dass die Priester der Hathorkapelle die vielen Opfergaben der Besucher, die Hathor verehren oder um ihren Beistand bitten wollten, in regelmäßigen Abständen aus der Kapelle „entsorgen“ mussten, um einfach Platz für neue zu schaffen. Und da kam das „alte“, unterirdische Grab direkt neben dem Prozessionsweg als „Endlager“ für diese Gegenstände wohl sehr gelegen. Der schlechte Zustand dieser Artefakte – die meisten sind nur in Bruchstücken erhalten – zeigt, dass sie nicht vorsichtig dorthin umgebettet, sondern wie auf einer Abfallhalde achtlos dort hingeschüttet wurden. Unbekannt sind solche „Müllkippen“ für Opfergaben nicht; hier in Deir el-Bahari kannte man so etwas z.B. vor den ehemaligen Eingangstoren zum Tempel. Diese Entdeckung eines Entsorgungsplatzes direkt unter dem Heiligtum bringt aber eine neue Facette in die Forschung.

Dass die Priester die vielen Votivgaben aus dem Hathor-Heiligtum an dieser Stelle entsorgen konnten, bedeutet allerdings auch, dass zur Zeit Hatschepsuts dieses Grab aus dem Mittleren Reich offen und zugänglich war, sagte Dr. Chudzik der LiveScience. Damit werde die Theorie einiger Archäologen, dass es an dieser Stelle des Prozessionsweges eine Rampe zum Hathor-Schrein gegeben habe, ins Wanken gebracht. Aber dies alles seien momentan nur Vermutungen, betont Chudzik. Für alles Weitere müsse man eine ausführlichere Studie des neuen Materials abwarten. Das Team will in der kommenden Saison jedenfalls die Decke des Felsengrabes abstützen, damit dort durch die weitergehenden Arbeiten an der darüber liegenden Hathor-Kapelle keine Schäden entstehen.

Es ist schon erstaunlich, dass selbst in einem so berühmten Tempel, wie dem der Hatschepsut in Luxor, der seit über hundert Jahren wiederaufgebaut und wissenschaftlich untersucht wird, noch immer neue Entdeckungen gemacht werden.

Kulträume der Hathor-Kapelle. Foto: Maciej Jawornicki, PCMA UW

Abschließend hier ein paar Fotos, wie das Hathor-Heiligtum, das aus einem Pfeiler- und einem Säulenhof und dahinterliegenden, in den Fels geschlagenen Kulträumen besteht, bei unserem letzten Besuch 2019 aussah (die Kulträume waren leider gesperrt, aber das obige Foto der polnischen Mission zeigt den aktuellen Zustand). Wir sind jedenfalls gespannt, was uns nächstes Mal dort erwartet…

Front des Hathorheiligtums
Pharao mit Hathor und Anubis
Die Säulen der Hathorkapelle
Säulenkapitelle als Hathorkopf mit Kuhohren
Hathor als Kuh säugt Pharao

4 Gedanken zu „Hunderte Artefakte in Schutthaufen unter dem Hatschepsuttempel entdeckt“

  1. Sehr schöner, informativer Bericht. Ja, erstaunlich, was immer noch auftaucht. Selbst in einem solchen
    Tempel, der über lange, lange Jahre mühsam und mit großer Hingabe von der polnischen Mission (Respekt!!!) rekonstruiert, restauriert und wieder aufgebaut wurde.
    Da muss ich immer wieder an Dr.Hawass denken, der in mehreren Interviews (Dokumentationen)
    sagt, das erst 30-40 Prozent aller Schätze des Alten Ägypten ausgegraben sind, der Rest noch im Sand vertseckt ist……………
    Dankee für den tollen Bericht!
    Übrigens : Ein Foto aus dem Hathortempel Säulenkapelle) ziert den Treppenaufgang in meinem Haus!

  2. Unglaublich. Da forschen sie seit den 60er Jahren und finden dann so eine Menge Schönes. Das freut mich sehr!

  3. Es verblüfft mich immer wieder, wie viel Neues noch gefunden und entdeckt wird.
    Sensationell.
    Ein großes Dankeschön für die Informationen!

  4. Ja, man ist immer wieder erstaunt, und solche Funde machen es immer wieder spannend.
    Schön, dass es so viele leidenschaftliche Archäologen aus aller Welt gibt und sie so Ägypten immer mehr von seiner Kultur zurückgeben können: Danke und Respekt.
    Ich bin auf jeden Fall weiterhin gespannt auf die nächsten Nachrichten und Infos und Fotos, etc.

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