Kartusche Tutanchamuns auf der goldenen Totenmaske mit Spuren einer früheren Beschriftung. Foto: Ahmed Amin, Ägyptisches Museum Kairo

Detektivarbeit Archäologie: Für wen war Tutanchamuns Totenmaske ursprünglich?

Nachdem der Archäologe Nicholas Reeves die Freude über die positiven Scans in der Grabkammer Tutanchamuns und den anschließenden Presserummel verdaut hat, konnte er unsere Bitte, die entscheidenden Bilder hier zeigen zu dürfen, genehmigen. Vor drei Tagen hatten wir berichtet, dass Reeves vor kurzem entdeckt hatte, dass die Kartusche mit dem Thronnamen Tutanchamuns Spuren einer früheren Beschriftung aufweist. Hier nun der bildliche Beweis dafür.

Der unten stehende, vergrößerte Ausschnitt aus unserem Titelbild zeigt die Kartusche mit dem Thronnamen „Neb-cheperu-Re“. Deutlich zu sehen sind drei kleinere Striche zwischen den drei großen Strichen. Ebenso deutlich finden sich zwischen dem Korb und dem Käfer weitere kleine Striche, die wie Beine eines anderen Käfers aussehen. Wegen des Schattenwurfs nicht so deutlich zu sehen sind auf diesem Bild weitere Spuren zwischen dem Käfer und der Sonne.


Vergrößerung der Kartusche mit Tuts Thronnamen. Ausschnitt aus dem obigen Foto des Museumsfotografen Ahmed Amin.

Vergrößerung der Kartusche mit Tuts Thronnamen. Ausschnitt aus dem obigen Foto des Museumsfotografen Ahmed Amin.

Diese Spuren hatte Reeves entdeckt, als er Ende September dieses Jahres die Maske, die in Kairo einen neuen Aufstellort und auch eine neue Beleuchtung bekommen hatte, genauer untersuchte. Er bat den Museumsfotografen Ahmed Amin darum, diese Entdeckung in bestmöglicher Ausleuchtung zu fotografieren.

Obwohl die ersten Zeichen (auf der rechten Seite) unschwer zu ergänzen und erkennen waren, tat sich Reeves mit den Zeichen in der Nähe der Seilbindung (linke Seite) schwer. Er bat daher einige Kollegen um ihre Meinung und Mithilfe. Insbesondere die Antworten, die er von Ray Johnson und Marc Gabolde erhielt, brachten ihn entscheidend voran.

Die folgende Zeichnung von Marc Gabolde, einem französischen Spezialisten für die 18. Dynastie und die Amarnazeit, zeigt oben in Grün die jetzige Kartusche mit Tutanchamuns Thronnamen (in Rot die gefundenen Spuren der früheren Beschriftung). Die untere Zeichnung stellt die ursprüngliche Kartusche dar, so wie Reeves und die beteiligten Kollegen sie anhand der (roten) Spuren rekonstruiert haben.

Oben: heutige Kartusche, unten: vermutete ursprüngliche Kartusche. Zeichnung von Marc Gabolde.

Oben: heutige Kartusche, unten: vermutete ursprüngliche Kartusche. Zeichnung von Marc Gabolde.

Der Käfer, das Zeichen für „cheper“, stand in der ursprünglichen Beschriftung weiter links, so dass zwischen Käfer und Sonne ein weiteres Zeichen Platz fand, das oben gerundet und unten gerade war – vermutlich ein Anch-Zeichen. Zusammen mit den drei Pluralstrichen ergeben diese vier Zeichen den Namen „Anch-cheperu-Re“.

Der Korb (Neb) aus Tuts Kartusche (Neb-cheperu-Re) verdeckte zwei andere Zeichen, davon eines länglich und rechteckig, vermutlich ein „mr“ (geliebt von), darunter vielleicht ein Brotlaib für die weibliche Endung „.t“. Also enthielt die ursprüngliche Kartusche noch ein Epitheton, einen Beinamen, der denjenigen Gott oder König bezeichnete, von dem Anch-cheperu-Re geliebt wurde. Aber obwohl neben der Wicklung der Kartusche senkrechte Striche eines länglichen Zeichens sichtbar waren, war für einen solchen Beinamen in Tuts Kartusche einfach nicht genug Platz, so dass Reeves hier nicht recht weiterkam.

Hier half der Hinweis von Kollege Ray Johnson, Direktor des Chicago House in Luxor: Die ursprüngliche Kartusche von Anch-cheperu-Re war vermutlich länger gewesen. Man hatte sie für Tuts kurzen Namen verkleinert und über das übrig bleibende Ende der früheren Kartusche die beiden senkrechten Zeichen für „maa-cheru“ (mAa-xr.w = „der mit wahrhaftiger Stimme“) gesetzt.

Leider sind von diesem Beinamen Anch-cheperu-Res nur noch Spuren eines einzigen länglichen Zeichens erkennbar. Interpretiert man es als Schilfblatt, könnte das zu dem seltenen Beinamen „mr.t Jtn“ (geliebt von Aton) passen. Wäre es dagegen eine „nefer“, dann wäre der Beiname vermutlich „mr.t nfr-xpr.w-Ra“ (geliebt von Nefercheperure, also Echnaton). Die komplette Kartusche würde dann übersetzt heißen: „Die von Nefer-cheperu-Re (Echnaton) geliebte Anch-cheperu-Re“.

Beide Beinamen würden darauf hinweisen, dass es sich um Echnatons Mitregentin handelte, die „Anch-cheperu-Re Nefer-neferu-Aton“ hieß. Reeves ist sich daher sicher, dass die Totenmaske des Tutanchamun ursprünglich für diese Mitregentin Echnatons gedacht war – und er ist sich ebenfalls sicher, dass es sich dabei um die berühmte Nofretete handelte. Für Letzteres hat er allerdings keinen Beweis, denn Nofretetes Name taucht ja nicht auf.

Wenn die Maske aber ursprünglich für eine Frau gedacht war, dann musste sie für den jungen Pharao Tutanchamun umgearbeitet werden. Sie erhielt ein neues Gesicht, eine neue Namenskartusche, und die großen Ohrlöcher wurden mit runden Plättchen ausgefüllt. Aber dies ist eine andere Geschichte, die Reeves in einem anderen wissenschaftlichen Aufsatz darstellen wird.

Quelle: „The Gold Mask of Ankhkheperure Neferneferuaten“ im Journal of Ancient Egyptian Interconnections.

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