Die Maske des Tutanchamun hat große Ohrlöcher. Foto: Erik Hooymans, Lizenz CC BY-SA 2.5

War Tutanchamuns Goldmaske ursprünglich für Nofretete?

Nicholas Reeves, Ägyptologe und Direktor des Amarna-Königsgräber-Projekts, dessen Theorie von verborgenen Kammern in Tutanchamuns Grab gestern durch Radarscans bestätigt wurde, bringt ganz nebenbei eine weitere sensationelle Theorie heraus: Die berühmte goldene Totenmaske soll ursprünglich nicht für Tutanchamun sondern für Nofretete gedacht gewesen sein!

Neu ist diese Theorie nicht. Bereits vor Jahren hatte Reeves, der auch einmal Kurator der Ägyptischen Sammlung des 7. Earls of Carnarvon war, einem Nachfahren des berühmten Lord Carnarvon, der zusammen mit Howard Carter das Grab des Tutanchamun geöffnet hatte, behauptet, die meisten Grabbeigaben, auch die berühmte Maske, seien eigentlich für Nofretete gefertigt worden. Die Indizien, auf die er sich damals stützte, waren u.a. die in der Maske sichtbaren großen Ohrlöcher und die Tatsache, dass er erkannt haben wollte, dass die Maske auf der Innenseite ein anderes Gesicht darstellte, als auf der Außenseite. Inzwischen hat Reeves nun aber neue und wirklich überzeugende Beweise auch für diese Theorie gefunden.


Studienarbeit erscheint im Dezember

Laut einem Bericht der Ahram Online wird Reeves in der Dezemberausgabe eines wissenschaftlichen Journals seine neuen Beweise vorlegen. Al-Ahram Weekly berichtet aus einem Vorabdruck dieser Studienarbeit, dass Reeves in der Kartusche Tutanchamuns die Spuren einer früheren Beschriftung gefunden habe. Tuts Thronname „Neb-cheperu-Re“ wurde demnach über einen anderen Thronnamen geschrieben, den Reeves zusammen mit anderen Forschern als „Anch-cheperu-Re“ rekonstruiert hat.

Semenchkare oder Neferneferuaton?

Den Namen Anchcheperure kennt man bisher in zwei Versionen: Ohne Epitheton, also ohne Beinamen, wurde er von Semenchkare verwendet, dem mysteriösen Pharao, der nach Echnaton kurze Zeit regiert haben soll und von dem keiner so genau weiß, wer er war und woher er kam.
Dagegen wurde der Name zusammen mit einem Beinamen, der sich dann auf Echnaton bezog, von Echnatons Mitregentin Neferneferuaton getragen. Und diese Mitregentin war aller Wahrscheinlichkeit nach die Königin Nofretete.

Ursprüngliche Kartusche war länger

Die Namen Anchcheperure und Nebcheperure (Tutanchamun) bestehen beide aus nur vier Zeichen und unterscheiden sich nur in einem Zeichen: nämlich dem Anch-Zeichen bzw. dem Korb-Zeichen, das für „Neb“ (Herr) steht. Trotzdem waren diese 4 Zeichen beim Vorbesitzer Anchcheperure enger zusammengesetzt worden, als bei Tutanchamun. Damit bliebe bei Anchcheperure in der Kartusche noch ein wenig Platz. Allerdings würde dieser nicht ausreichen, um einen vollständigen Beinamen dort zu platzieren. War der Vorbesitzer also Semenchkare, der ja keinen Beinamen verwendete? Die beiden hinter der Kartusche stehenden senkrechten Zeichen für „mAa xru“ (wahr an Stimme), brachten Reeves auf eine andere Idee: Die ursprüngliche Kartusche des Vorbesitzers war vermutlich länger gewesen und für den kurzen Thronnamen Tuts hatte man das Königsoval einfach gekürzt, Tuts vier Zeichen etwas auseinandergezogen, und dann die beiden großen Zeichen für „mAa xru“ über das zu lange Ende der alten Kartusche gesetzt.

Geliebt von Aton oder Echnaton?

Aber wie lautete nun der Beiname, der einmal hinter Anchcheperure stand? Hier können Reeves und seine Kollegen bisher nur Vermutungen anstellen, da von diesem Beinamen nur winzige Reste der früheren Beschriftung sichtbar sind. Die wenigen Spuren könnten auf „mr itn“, (geliebt von Aton), oder um „mr-nfr-xprw-Ra“, (geliebt von Nefercheperure, also Echnaton), hinweisen. Da beide Beinamen auf Echnaton hinweisen, kann es sich nach Reeves‘ Meinung nur um die Kartusche der weiblichen Co-Regentin Anchcheperure Neferneferuaton handeln. Und Reeves ist sich sicher, dass sich hinter diesem Namen die Königin Nofretete verbirgt. Andere Wissenschaftler bringen diesen Namen eher mit Echnatons ältester Tochter Meritaton in Verbindung – und dann hieß natürlich auch eine Tochter Echnatons tatsächlich Neferneferuaton mit dem Zusatz „ta-scherit“ (die Kleine). Allerdings glaubt kein Wissenschaftler, dass diese Tochter je regiert hat. Ihr Name würde also nicht in einem Königsoval auftauchen.

Die gefundenen Spuren der früheren Beschriftung sind jedenfalls auf einem Foto des Museumsfotografen Ahmed Amin deutlich zu sehen und könnten nach einer sehr aufschlussreichen Zeichnung von Marc Gabolde wirklich zu „Anchcheperure mery Nefercheperure“ (Anchcheperure, geliebt von Echnaton) ergänzt werden. Da Nicholas Reeves zurzeit in Tuts Grab mit wichtigeren Dingen 😉 beschäftigt ist, konnte er unser Bilderanfrage bisher nicht beantworten. Das Foto und die Zeichnung können wir daher nicht bringen. Ihr findet sie aber bei der Ahram Online.

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Nachtrag (29.11.2015):
Der o.g. Beitrag der Ahram Online mit den Bildern ist auf einmal nicht mehr vorhanden. Ob dies ein rein technisches Problem ist oder ob der Artikel zurückgezogen werden musste, wissen wir nicht. Wenn Reeves‘ Beitrag in dem wissenschaftlichen Journal erschienen ist, werden die Bilder aber sicher wieder in der Presse erscheinen.

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