Echnatons Männer trugen Zehenringe! Accessoire oder Amulett?

Die Archäologie ist schon ein „Knochenjob“ – besonders bei Ausgrabungen auf einem Friedhof. Und erst recht, wenn dieser auch noch in der Wüste liegt. Aber manchmal lohnt sich die Plackerei auch, nämlich dann, wenn man zwischen den Knochen und Knöchelchen etwas Unerwartetes findet. Archäologen des Amarna-Projekts stießen auf dem Südfriedhof der antiken Stadt Achetaton (heute Tell el-Amarna) nun auf zwei Skelette, die einen Ring am Zeh tragen. Bei einem der Toten handelt es sich sogar um einen Mann; das Geschlecht der anderen Person ist noch ungeklärt.

Höchstwahrscheinlich wurden diese Ringe schon zu Lebzeiten getragen und nicht erst den Leichen aufgesteckt, vermutet Dr. Anna Stevens, stellvertretende Leiterin des Amarna-Projekts. Die Körper der Toten waren nicht mumifiziert sondern lediglich in einfache Tücher gehüllt worden, wie es bei der einfachen Bevölkerung jener Zeit wohl die Regel war. Aus diesem Grund sind von ihren Körpern auch nur die Skelette, und eben diese beiden Ringe, erhalten geblieben.

Vielleicht wurde den Ringen eine magische Wirkung zugesprochen, meint Dr. Stevens in einem Artikel bei LiveScience und kündigt an, dass man die entsprechenden Quellen, z.B. Papyri mit Zauber- und Heilsprüchen, daraufhin durchsuchen werde. Der Mann mit dem Zehenring hatte jedenfalls einige Brüche an Armen und Beinen sowie an den Rippen, und auch der rechte Fuß mit dem Ring daran war gebrochen. Das könnte darauf hindeuten, dass der Ring vielleicht bei der Heilung helfen oder die Schmerzen lindern sollte.
Andererseits wurden an dem anderen Skelett keine Verletzungen gefunden – und auch diese Person trug ja einen Zehenring. Eventuell war es also doch einfach nur ein hübsches Accessoire? Immerhin trugen die Ägypter meistens Sandalen, wodurch Fuß und Zehen ja ständig sichtbar waren.


Dr. Stevens vermutet, dass es sich hier um die ältesten je gefundenen Zehenringe handelt. Dabei schließt sie aus, dass die Ringe im Zusammenhang mit Echnatons neuer Religion stehen könnten, denn auch aus späteren Epochen sind Zehenringe bekannt. So liegt im Britischen Museum die Mumie eines Priesters des Karnaktempels, der mehr als tausend Jahre nach Echnatons Zeit lebte. Auch dieser Priester mit dem Namen Hornedjitef trägt einen Zehenring. Gemäß seiner Stellung ist sein Ring natürlich aus purem Gold, während die Ringe der nun gefundenen Skelette nur aus einer billigen Kupferlegierung gefertigt waren.

Die Namen der Toten oder ihre Berufe werden sich vermutlich nicht mehr feststellen lassen, da beide Gräber bereits geplündert worden waren. Die Abnutzungserscheinungen an den Gelenken, die der Mann mit den vielen Brüchen aufweist, deuten jedoch darauf hin, dass zumindest sein Leben von harter Arbeit bestimmt war.

Achetaton („Horizont des Aton“) war die neue Hauptstadt, die der Pharao Echnaton („Der Aton nützlich ist“) mitten im Niemandsland innerhalb weniger Jahre aus dem Boden stampfen ließ. Mit der Abkehr vom Hauptgott Amun und den vielen anderen ägyptischen Gottheiten wollte Echnaton auch die alte Hauptstadt Waset (griechisch: Theben, heute Luxor) verlassen. Der Umzug in die neue Hauptstadt sollte den Wechsel zum neuen und einzigen Gott Aton, der sich in Gestalt der Sonnenscheibe manifestierte, auch formal demonstrieren. Für eine kurze Zeit gelang dies. Mit seiner Gemahlin Nofretete regierte er Ägypten einige Jahre von Achetaton aus. Revolutionäre Spuren hat er aber lediglich in der Kunst hinterlassen, deren eigenwilliger „Amarna-Stil“ uns noch heute fasziniert. Politisch konnte er dagegen kaum etwas bewegen und auch in der Religion war nach seinem Tod schnell wieder alles beim Alten. Achetaton wurde beinahe fluchtartig wieder verlassen und verfiel. Echnatons Name wurde aus den offiziellen Königslisten gestrichen und es dauerte bis ins späte 19. Jahrhundert, bis seine Regierungszeit durch archäologische Funde belegt und datiert werden konnte.

Zehenringe bei den alten Ägyptern, Tätowierungen bei Ötzi, Piercings bei südamerikanischen Naturvölkern – es scheint, als habe sich im Bereich des Körperschmucks seit Anbeginn der Zeit nur wenig verändert…

Wir bedanken uns bei Dr. Anna Stevens vom Amarna Project für die Erlaubnis zur Verwendung des Fotos!

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