Flutwelle an den Pyramiden riss alles mit sich

Dass lang anhaltende oder überraschend starke Regenfälle zu Überflutungen führen, erfahren Menschen überall auf der Welt – zuletzt gerade erst wieder in Deutschland. Die alten Ägypter lebten sogar davon, dass der Nil jedes Jahr einmal über die Ufer trat und dabei fruchtbaren Schlamm auf die Felder entlang des Flusslaufs spülte. Man hatte sich im Laufe der Jahrhunderte darauf eingestellt und sehnte die Fluten sogar herbei. Dass jedoch am Rande des Gizehplateaus, mitten in der Wüste und abseits des Nils, ebenfalls überraschende Flutwellen aufgetreten sein sollen, mutet schon etwas seltsam an. Doch genauso war es, sagt nun ein amerikanischer Geograf.

In der Zeit der Nilflut, wenn die Ägypter nicht auf ihren Feldern arbeiten konnten, verdingten sich viele von ihnen als Pyramidenarbeiter. Das Arbeiterdorf war dann voll; zu Spitzenzeiten lebten dort 10.000 Mann, was den Begriff „Dorf“ in diesem Zusammenhang zweifelhaft erscheinen lässt. Diese Stadt der Arbeiter wurde versorgt von einer ganzen Schar von Handwerkern, Bäckern, Töpfern, Bierbrauern, Metzgern und vielen anderen mehr. Über die logistische Meisterleistung, die dafür erforderlich war, haben wir erst kürzlich berichtet.

Die Stadt der Arbeiter lag in einem Wadi, einem ausgetrockneten Flusslauf. Das wäre eine gefährliche Lage, wenn man mit großen Mengen an Niederschlag rechnen müsste. Aber wann regnet es schon mal in der Wüste? Nun, zur Zeit Men-kau-Res, den wir besser unter seinem griechischen Namen Mykerinos kennen, regnete es überraschend oft, sagt Karl Butzer von der Universität Texas. Der Geograf hat mit seinem Team die Sedimentschichten des Dorfes Heit el-Ghurab untersucht, das heute an der Stelle liegt, an der früher die Stadt der Pyramidenarbeiter stand.


Und dabei kam das Team zu erstaunlichen Ergebnissen. Bis zu 300 Liter Regenwasser pro Quadratmeter sollen manchmal herabgeprasselt sein und eine Flutwelle durch den ausgetrockneten Flusslauf geschickt haben, welche die Lehmziegelbauten der Stadt aufweichte und mit sich riss, bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. In der Region, in der die Töpferwerkstätten mit ihren Öfen standen, fand das Team dicke Schlammschichten mit den Scherben tausender Töpfe, Geschirr und Brotformen. Und dies war keine einzelne Katastrophe, sondern geschah mehrmals. Immer wieder also baute man die Stadt an derselben Stelle wieder auf, und immer wieder wurde sie von einer Flutwelle zerstört. Um die Regierungszeit Men-kau-Res herum soll es in knapp 50 Jahren mehr als 10 solcher Flutkatastrophen gegeben haben, meint Karl Butzer.

Da Sandsäcke noch nicht erfunden waren (obwohl man Wüstensand zur Genüge hatte), versuchte Pharao Men-kau-Re, die Stadt mit einem 7 Meter hohen Damm aus tonnenschweren Steinblöcken zu schützen – vergeblich! Warum die Stadt nicht einfach umgesiedelt wurde, ist auch für Butzer und sein Team unverständlich. Das Problem erledigte sich erst dadurch, dass Men-kau-Res Pyramide die letzte große Pyramide auf dem Gizehplateau war und danach hier keine so riesigen Arbeiterscharen mehr benötigt wurden. Wahrscheinlich wurde die Stadt also nicht wegen der Flutwellen aufgegeben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes einfach „überflüssig“!

Quelle: Spiegel Online

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