Konservierung einer Osiris-Statue. Mit freundlicher Genehmigung: © CFEETK-CNRS-MoA: J. Maucor

Karnak: Das Grab der Ptah-Statue

Im Jahr 2014 machten französische Archäologen im Karnak-Tempel eine spannende Entdeckung. Auf der Rückseite des Ptah-Tempels fanden sie eine Grube, in der Priester vor mehreren tausend Jahren Artefakte vergraben hatten (wir berichteten). Schnell war klar, dass dieses Depot für die Ägypter eine tiefe religiöse Bedeutung hatte. Hier wurde die Statue des Gottes Ptah „nach seinem Tod“ feierlich bestattet.

Bevor die Ptah-Statue in der 1,46mx1,05m und bis zu 1m tiefen Grube bestattet wurde, stand sie höchstwahrscheinlich im naheliegenden Tempel und wurde dort von den Priestern gewaschen, bekleidet, parfümiert und mit Opfergaben versorgt. Christophe Thiers, Direktor der „French-Egyptian Center for the Study of the Temples of Karnak“ und sein Team vermuten, dass sie dort jahrelang aufgestellt war und erst als sie beschädigt und eine neue Statue ihren Platz einnahm, wurde sie von den Priestern respektvoll vergraben.


Schon „zu Lebzeiten“ beschädigt

In der Grube, die in Fachkreisen favissa (ein Speicher von heiligen Objekten, die nicht länger benutzt wurden) genannt wird, fanden die Archäologen noch weitere Statuen, darunter eine Sphinx, ein Pavian, eine Katze, Osiris und die Göttin Mut. Sie waren alle bis auf eine schon in der Antike, also noch zu „Lebzeiten“ beschädigt gewesen

Einige der in der Grube gefundenen Objekte (beginnend links oben): vergoldeter männlicher Kopf, der untere Teil der Kalkstein-Statue des Ptah, Kalkstein-Sphinx, kleine Osiris-Statue). Mit freundlicher Genehmigung: © CFEETK-CNRS-MoA: J. Maucor.

In der Grube fanden die Archäologen 38 Objekte:

  • Vierzehn Statuen und Figuren von Osiris
  • Elf Fragmente von Statuen. Darunter eine Iris, eine Hornhaut, ein falscher Bart, eine Kappe, eine Haarsträhne und die Intarsie einer Tafel
  • Drei Pavian-Statuetten (die den Gott Thot repräsentieren)
  • Zwei Statuetten der Göttin Mut mit Hieroglyphen-Inschriften
  • Zwei nicht identifizierte Statuensockel
  • Ein Kopf und eine nur noch fragmentarisch erhaltene Statuette einer Katze (Bastet)
  • Ein kleines Fragment einer Fayence Stele, die den Namen des Gottes Ptah trägt
  • Den Kopf der Statuette eines Mannes aus vergoldetem Kalkstein
  • Der untere Teil einer Statue des sitzendes Gottes Ptah, gesägt und repariert
  • Eine Sphinx
  • Ein nicht identifizierbares Metallstück

Eine Reihenfolge für die Ewigkeit

Die Ausgrabung der Favissa führte durch drei ältere Schichten, darunter auch eine frühere Grube. Die verfügbaren Belege zeigen, dass die ursprüngliche Grube durch die anliegenden Lehmziegelmauern begrenzt war.

Es scheint so, als ob die Stücke absichtlich in einer bestimmten Reihenfolge vergraben wurden. Als erstes platzierte man den unteren Teil einer Sitzstatue des Gottes Ptah aus Kalkstein, auf der rechten Seite liegend. Die Statue war groß und es mussten zwei oder vielleicht sogar drei Leute geholfen haben, sie zu tragen.

Rekonstruktion der Objekte, wie sie in der Favissa aufgefunden wurden (aus südlicher Sicht). © CFEETK-CNRS-MoA: K. Guadagnini

Die Statue wurde in der südöstlichen Ecke der Grube gelegt, um ein wenig Platz für ein hölzernes Abbild von Osiris zu lassen, von dem nur ein Teil der Oberfläche, der Metall-Applikationen sowie der Götterbart und zwei Federn seiner Atef-Krone erhalten sind. Mehrere Konzentrationen von bemalten und mit gold überzogenen Teilen könnten auf die Präsenz von weiteren Statuen oder Statuetten aus organischem Material hinweisen.

Die anderen Artefakte wurden um und über die Statue verteilt, zwischen Schutt vergraben. In der dritten Schicht, über 20cm Füllmaterial, lag in der nordöstlichen Ecke der Grube die Sphinx.

Schließlich waren zwei weitere Schichten Erdreich eingebracht worden, bevor ein kleiner männlicher Kopf auf der obersten Schicht platziert worden war.

Objekte aus unterschiedlichen Epochen

Die Objekte stammen aus unterschiedlichen Epochen Ägyptens. Die Ptah-Statue konnte ins Neue Reich datiert werden. Der Stil der Sphinx passt in die späte ptolemäische Ära und der vergoldete Kopf zu der frühen ptolemäischen Zeit. Die Untersuchungen der Gesteinsschichten haben jedoch ergeben, dass die Artefakte von den Priestern während der zweiten Hälfte der ptolemäischen epoche, ungefähr zwischen dem 2. und Mitte des 1. Jh. v. Chr. vergraben wurden.

Die Ptah-Statue – das zentrale Objekt

Aufgrund der zentralen Position der Statue am Grund der Favissa, war sie das zentrale Objekt dort, so die Vermutung der Forscher. Sie ist zudem viel größer als die anderen Figuren und die einzige Kultstatue dort (mit der möglichen Ausnahme eines Fayence-Bartes von einer anderen großen Statue).

Die Statue wurde zudem sehr behutsam in eine Schicht aus gelbem Sand eingebettet, „umhüllt“ von kleinen, beschädigten Votivfiguren, die sie von allen Seiten und von oben bedeckten.

Die mittlere Schicht der Favissa stand unter dem Schutz der Sphinx, eine allseits bekannte Wächterfigur, die nach Osten zum Sonnenaufgang ausgerichtet wurde. So ein Wächter in Form einer Sphinx oder auch eines Löwen oder Schakals (Anubis) wurde schon in anderen Statuen-Cachetten entdeckt. Der Kopf am oberen Ende der Favissa könnte ebenfalls eine Schutzbedeutung haben.

Viele Osiris-Figuren

Die große Anzahl der vergrabenen Osiris-Figuren und -Statuen fasziniert die Forscher. Osiris war der Gott der Fruchtbarkeit und der Toten in der Unterwelt, aber auch der Wiedergeburt. Die Forscher vermuten, dass Osiris genau wegen dieser Bedeutung mit der Ptah-Statue vergraben wurde.

Beschützt durch die Sphinx, umgeben von Osiris Statuen, sieht es so aus als ob die Ptah-Statue auf die Wiedergeburt wartet, wie die Mumien der Pharaonen, so der Leiter der Studie Guillaume Charloux, Archäologe der „French-Egyptian Center for the Study of the Temples of Karnak“ zu der LiveScience. Die Favissa war wahrscheinlich das Grab dieser Ptah-Statue, von der nur noch der untere Teil vorhanden ist.

Warum sind die Objekte alle beschädigt?

Typisch für so ein Depot ist die Tatsache, dass die Objekte darin beschädigt oder nur noch fragmentarisch erhalten sind. Warum die Ägypter solche „verstümmelten“ Objekte vergruben, wissen die Forscher nicht genau. Manche vermuten, dass sie Opfer von Naturkatastrophen, wie ein Erdbeben oder Feuer geworden sind. Vielleicht wurden sie auch durch eine Invasion, einen Konflikt, eine religiöse oder politische Veränderung zerstört. Oder vielleicht hat man einfach nur mal ein überfülltes Heiligtum ausgemistet.

Es gibt sogar Belege, dass Statuen systematisch geköpft wurden, wie Figuren von Mentuhotep II. und Amenophis III. bei Deir el Bahari, von denen Kopf und Körper an zwei unterschiedlichen Stellen weit voneinander entfernt vergraben wurden.

Statuette der Mut. Bild mit freundlicher Genehmigung © CFEETK-CNRS-MoA: J. Maucor

Wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, alte Statuen gegen neue einzutauschen, ist den Forschern ebenfalls ein Rätsel. Manche Statuen, wie die Statue der Mut in dieser Favissa (siehe Bild rechts) oder eine Statue des Amuns in einer Favissa in Luxor, sind augenscheinlich noch mal repariert und ihre Brüche mit Mörtel gefüllt worden.

Teil einer religiösen Zeremonie?

Einige Statuen sind vielleicht erst später beschädigt worden. Die linke Spitze der Sphinx-Pfote dieser Favissa wurde gegen den Vorderteil ihres Körpers gelegt und könnte erst zerbrochen sein, als man sie in die Grube legte. Ob das Zerbrechen der Votivfiguren eventuell Teil einer religiösen Zeremonie war, ist unbekannt.

Waren diese Artefakte ans Ende ihrer „Lebzeiten“ angelangt und wollte man durch ihre Zerstörung ihre Energie und Macht „deaktivieren“? Oder war ihr kaputter Zustand einfach nur das Auswahlkriterium, um an diesem letzten Ritual teilzunehmen?

So lange man keine Textzeugnisse darüber findet, ist das für die Archäologie sehr schwierig zu bestimmen. Vielleicht werden uns weitere Funde wie diese helfen, die Bedeutung dieser Favissae genauer zu bestimmen und das Rätsel der zerbrochenen Objekte zu lösen.

Die Studie wurde in der „journal Antiquity“ veröffentlicht

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