Diese Totenmaske stammt aus dem Nationalmuseum in Athen. Masken dieser Art wurden in einer Flüssigkeit aufgelöst, um an beschriftete Papyri zu gelangen
By Tilemahos Efthimiadis from Athens, Greece [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons

Mumienmasken zerstört – antike Dokumente gewonnen

Ist die Erhaltung von Antiken wichtiger als die Befriedigung wissenschaftlicher Neugier? Darf eine Mumienmaske zerstört werden, wenn es dadurch gelingt antike Schriften freizulegen? Hat die Erforschung kleiner Textfragmente mehr Bedeutung als intakte Totenmasken, die in den Magazinen der Museen schlummern?

Ein Team aus kanadischen Forschern musste etliche Totenmasken zerstören, um an die dort eingearbeiten Textfragmente alter Papyri zu gelangen. Zum Vorschein kamen die Fragmente christlicher und biblischer Dokumente, klassischer griechischer Texte, Geschäftspapiere, Schriften aus dem Alltag und persönliche Briefe. Sogar philosophische Texte und Kopien von dem griechischen Poeten Homer sind schon gefunden worden. In einer der Totenmasken steckte sogar eine kleine Sensation: die vielleicht älteste Kopie des Evangeliums des Markus.


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Alter Papyrus als Pappmaché für Totenmasken

In der einfachen Bevölkerung war es durchaus üblich bereits genutzte Papyrusblätter für die Mumienmasken zu verwenden. So konnte man sich das Geld für teuren, neuen Papyrus sparen. Eine Maske aus Gold konnten sich eh nur die Reichsten leisten. Erst in den vergangenen Jahren haben Wissenschaftler eine Methode entwickelt, wie sie den Klebstoff von Totenmasken entfernen können, ohne die Schreibtinte zu löschen. Dafür wird die komplette Maske in ein Bad gegeben, wo sie sich auflöst und die einzelnen Streifen, die wie Pappmaché zu einer Maske befestigt wurden, entnommen werden können.

Älteste Kopie des Markus-Evangeliums

Craig Evans, Professor der Studien des Neuen Testamentes an der kanadischen Acadia Divinity College in Wolfville, Neuschottland, spricht von einer Wiederentdeckung antiker Dokumente aus dem ersten, zweiten und dritten Jh. n. Chr. Die Fragmente des Markus-Evangeliums stammen aus dem 1 Jh. nach Chr., vermutlich noch vor dem Jahr 90 und wären somit noch älter als die bisher bekannten aus dem 2. Jh. n. Chr. Möglich machte die Datierung des Evangeliums die C14 Methode, die Schrift und weitere, datierte Dokumente, die für die Mumienmaske verwendet wurden.

Kritik für die Zerstörung der Totenmasken

Der Preis dafür, die unvermeidliche Zerstörung der Totenmasken, stößt einigen Forschern, wie dem Archäologen Paul Barford, sauer auf. Doch Evans hält mit dem Argument dagegen, dass die Masken nicht von solch hoher Qualität wären, dass sie ein Museum je ausstellen würde. Manche Stücke wären noch nicht einmal richtige Mumienmasken gewesen, sondern nur Teile davon.

Von einer einzigen Maske könnten einige Dutzend oder sogar noch mehr Texte geborgen werden, so Evans. Ist die Arbeit erst einmal beendet, könnten es mehrere 100 Papyri werden, wenn nicht sogar tausende, rechtfertigt sich Evans weiter.

Man schien die Kritik schon geahnt zu haben, denn alle an dem Projekt mitwirkenden Wissenschaftler, mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen. Ein Grund ist laut Evans, dass einige Besitzer, zu denen Museen, Universitäten und Privatleute gehören, ihren Namen nirgendwo lesen möchten. Verständlich, denn gerade Museen, die das Kulturerbe doch erhalten sollen, könnten durchaus mit einem Shitstorm rechnen, sollte ihr Name irgendwo geschrieben stehen.
Wenn das Werk vollbracht ist, erhalten die Besitzer aber die Papyrusstücke der ehemaligen Mumienmasken zurück, so Evans.

Der Fund sei schon im Jahr 2012 ausgeplaudert worden, weshalb Evans trotz Verschwiegenheitserklärung mit dem Evangelium an die Öffentlichkeit ging (es existiert auch ein Youtube-Video vom Sommer letzten Jahres). Evans würde der LiveScience nicht mehr sagen, als man eh schon wüsste.

Daher schweigt sich Evans auch über eine genauere Datierung des Payrusfragmentes aus. Erst wenn die Ergebnisse offiziell publiziert werden, soll die genaue Datierung bekannt gegeben werden.

Wie lange waren Schriften in Gebrauch?

Spätestens dann wird groß über Sinn und Unsinn dieser Methode diskutiert werden. Rechtfertigen Papyrusfragmente dazu, eine komplette Mumienmaske zu zerstören? Evans findet ja und zeigt dies am Beispiel der Mumienmaske mit dem Evangelium des Markus. Obwohl das Fragment klein ist, könnte geklärt werden, ob sich das Evangelium des Markus im Laufe der Zeit geändert hat.

Bei der Analyse der Texte könnte zudem die Frage geklärt werden, wie lange solche Texte in Gebrauch waren, bevor sie beiseite gelegt und für andere Dinge benutzt wurden. Dies könnte wichtige Informationen beherbergen, wie biblische Texte zeitlich kopiert wurden.

Evans vermutet, dass die Originalschriften und ihre frühsten Kopien für ungefähr ein Jahrhundert in Gebrauch waren. In einigen Fällen könnten es sogar 200 Jahre gewesen sein. Wenn ein Schreiber also die Kopie eines Skriptes im 3. Jh. angefertigt hat, könnte er das Original-Manuskript aus dem 1. Jh. in den Händen gehalten haben – oder die Kopien des 1. Jh., oder halt die Kopie des 2. Jh., so Evans.

Laut Evans werden die Forscher die ersten Ergebnisse der Papyri, nach einigen ungeklärten Verzögerungen, erst im Laufe dieses Jahres publizieren – darunter wird dann auch das Evangelium des Markus sein. Dann hoffentlich mit so vielen wertvollen Informationen, dass die Zerstörung der Mumienmasken nicht umsonst gewesen ist…

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2 Kommentar(e)

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  • Erika Mue

    Das auf oder in Alten Schriften sehr viel aus dem Alten Testament und dem Neuen gibt ist .mir auch bekannt
    aber auch in den Alten Steintafeln oder auf den alten Sumerrischen Keilschrift wird die erste Form der Bibel bereits geschrieben vor etwa ca. 6 tausende bis circa 8tausend Jahre v.d. Neuzeit auf den Mauern von Uruk da steht es geschrieben

  • Anne Hesmer

    Da haben wir es wieder. .ein Thema dass einigen doch sauer auf stößt. Darf man die Masken zerstören? Aber wenn man es nicht tut…erfährt man nix darüber was in den verbauten Papyrifragmenten steht…. Also es ist schon interessant wie oft und die ein oder andere biblische Geschichte in Form von Papyrustexten begegnet. Und wenn diese Masken wirklich nur Fragmente sind.. ist es vielleicht nicht so schlimm wenn sie ihre verbauten Texte preis geben? Aber interessant ist auch,dass selbst damals recycelt wurde. Offensichtlich hatte man keine Verwendung mehr für diese Texte gefunden. Einen oder mehrere Gründe wird es wohl dafür gegeben haben. Warwn es bisher „nur“ biblische Textfragmente? Bin gespannt.

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