Die Totenmaske Tutanchamuns und die Rekonstruktion seines Gesichts
Fotos: STV Productions

Neue BBC Doku – Tutanchamun war wirklich ein armer Junge

Röntgenaufnahmen, CT-Scans, DNA-Tests… Keine andere Mumie ist so umfassend untersucht worden wie die von Tutanchamun (außer Ötzi vielleicht). Für die neue BBC Dokumentation „Tutankhamun: The Truth uncovered“ wurde der Pharao wieder mal etwas genauer unter die Lupe genommen. Herausgekommen sind ein paar neue und alte Erkenntnisse und ein Rekonstruktion des goldenen Pharaos, die diesen in abstruser Hässlichkeit zeigt.

Ein kurzer Rückblick zu einigen Forschungsergebnissen aus den Jahren 2005 – 2010. Eine DNA-Analyse führte zu dem Ergebnis, dass Tut ein Inzest-Kind ist. Gezeugt von Pharao Echnaton und einer seiner Schwestern. Zudem hatte er einen Klumpfuß, litt unter Skoliose (einen verkrümmten Rücken), hatte Malaria und starb vielleicht an einem komplizierten Bruch an seinem linken Oberschenkel, der sich entzündete. Die Aussage von Carsten Pusch von der Universität Tübingen, der die DNA-Analyse durchführte, dass er “eigentlich ein armer Junge” war, war durchaus treffend.

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Ein „weiblicher“ Anblick

Die neuen Untersuchungen bestärken dieses Bild noch weiter. Demnach hatte Tut sehr ausgeprägte, weibliche Hüften und vergrößerte Brüste, die vermutlich durch ein hormonelles Ungleichgewicht als Folge des Inzests entstanden sind. Außerdem hatte Tut vorstehende Zähne. Bei seinen mit zahlreichen Brüchen übersäten Körper, passierte nur der eine am Oberschenkel zu Lebzeiten. Die anderen waren Folge der Mumifizierung und einer unsachgemäßen Behandlung von Tutanchamuns Entdecker Howard Carter.

Die komplette Rekonstruktion von Tut Foto: STV Productions

Die komplette Rekonstruktion von Tut
Foto: STV Productions

Neue Theorie zum Tod Tutanchamuns

Doch woran starb Tutanchamun? Die Forscher aus der neuen Dokumentation haben die Theorie, der Pharao könnte an den Folgen des Inzests gestorben sein. Mit der neusten Technologie, 2000 CT Scans und neuenn DNA-Untersuchungen führten sie eine „virtuelle Autopsie“ durch, bei der sie eine genetischen Knochenschwund feststellen konnten. Zusammen mit dem Klumpfuß, wäre es für Tut unmöglich gewesen in einem Streitwagen zu fahren. Er konnte sich vermutlich nur humpelnd forbewegen, was der Grund für über 130 Spazierstöcke in seinem Grab gewesen sein könnte. Die prächtigen Streitwagen in seinem Grab, weisen zwar Gebrauchsspuren auf, sind demnach aber von Tut nie benutzt worden. Wenn es kein Streitwagenunfall war, dann ist Tut vielleicht doch durch eine innere Krankheit dahingeschieden.

Albert Zink von dem EURAC Institute for Mummies and the Iceman in einem Streitwagen Foto: STV Productions

Albert Zink von dem EURAC Institute for Mummies and the Iceman in einem Streitwagen
Foto: STV Productions

Hormonstörungen

Einige Mitglieder seiner Familie schienen schon an Beschwerden gelitten zu haben, die mit einem hormonellen Ungleichgewicht erklärt werden könnten, so Hutan Ashrafian, Dozent der Chirurgie am Imperial College London. Nur seine direkte Linie starb sehr früh und sie starben jede Generation früher, so Ashrafian weiter. Auch eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Brüchen könnte eine Folge von Tuts schwachem Gesundheitszustand gewesen sein.

Penis im 90 Grad Winkel einbalsamiert

Ägyptologen an der Universtität Kairo fanden zudem heraus, dass Tutanchamun Penis in einem 90 Grad Winkel einbalsamiert wurde. Die einzige Mumie, an der dieses Begräbnisritual bisher festgestellt werden konnte. Die Mumie wurde außerdem mit einer schwarzen Flüssigkeit übergossen, die Farbe des Totengottes, und sein Herz wurde rausgenommen. Tut sollte wie Osiris werden und so religiöse Revolutionäre abschrecken, wie die Forscher vermuten. Sein Vater Echnaton hatte vor ihm nur noch den Sonnengott Aton angebetet.

„Morbide Freakshow“

Die neuen (und alten) Untersuchungsergebnisse treffen auf Kritik, vor allem was die wenig schmeichelhafte Rekonstruktion von Tutanchamun betrifft. „Lasst den armen Tutanchamun alleine. Finger weg vom Kindkönig. Lasst ihn seinen ewigen Schlaf in der Würde seiner goldenen Maske schlafen“, fordert Jonathan Jones in The Guardian. Eine derartige virutelle Autopsie helfe nicht die Vergangenheit besser zu verstehen, sondern sei eine morbide Freakshow, die das Geheimnis dieses einst vergessenen Pharaos und seines großartigen Grabes zu einer groben und vulgären Infotainment herabreduziert, so Jones weiter.
Auch die Möglichkeit von 3000 Jahren alten Mumien verlässliche DNA-Analysen und Untersuchungen zu Krankheiten und Todesursache durchzuführen ist unter einigen Wissenschaftlern weiterhin umstritten.

Erst kürzlich wurde verhindert, dass Tutanchamun für eine erneute Untersuchung aus seinem Grab im Tal der Könige nach Kairo gebracht wird. Bei allem Forschergeist sollte Tutanchamun nun endlich seine Ruhe finden. Und am besten nicht in einem gläsernen Schaukasten im Tal der Könige.

Die BBC Doku „Tutankhamun: The Truth uncovered“ wird kommenden Sonntag um 21 Uhr auf BBC One ausgestrahlt.

Quelle u.a.:
Dailymail.co.uk

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4 Kommentar(e)

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  • Micha Wölfer

    Diesen effekthaschenden Pseudowissenschaftlern und ihren obskuren Sensations-Dokus gehört endlich ein Riegel vorgeschoben! Das ist Volksverblödung! Kein einziger dieser Doku-Macher hat Howard Carter gelesen. Ein Standardwerk will man sich mit Tutanchamun seriös auseinandersetzen. Aber das will man ja gar nicht.
    Diese andauernde ärgerliche Verunglimpfung war für mich der Motor, selbst ein Buch über den Pharao zu schreiben – zwar nur in Romanform, aber darin widerlege ich nebenbei, viele unsinnige Behauptungen die noch immer kursieren, obwohl sie schon lange widerlegt wurden. Man denke nur an die „breiten Hüften“ … alles Unsinn! Die Theorie wurde von einer Kostümbildnerin aufgestellt, die anhand der weiten Tücher in Tuts Grab gleich auf seinen Hüftumfang schloss – ohne zu Bedenken, dass diese Stoffe plissiert wurden. Eine haarsträubende Fehlinterpretation! Weiters kann ich als Bildhauerin behaupten, dass Gesichtsrekonstruktionen niemals eindeutige Ergebnisse liefern können, weil man bei den Weichteilen nur spekulieren kann.
    Howard Carter hat die Mumie noch im unversehrten Zustand gesehen und ganz anders geurteilt.

  • Ernst Günther

    Ich kann die Meinung von Jonathon Jones nur unterstützen. Es ist genug! Wie viele „wissenschaftliche“ Untersuchungen = zumeist Spekulationen – haben wir über uns ergehen lassen müssen! Jedesmal „neue Erkenntnisse“. Eine kleine Übersicht zeigt schon widersprüchlichste Ergebnisse. Jede neue Enthüllung nimmt man nur noch als Selbstdarstellung der Enthüller. Genug spekuliert. Lasst Tut endlich in Frieden (ruhen)!

  • Otmar Killermann

    Bin der gleichen Meinung. Laßt Tut endlich in Frieden. Für mich ist er der „Goldene Pharao“ egal wie er in Wirklichkeit ausgesehen und ob er überhaupt regiert hat. Ich hoffe, daß er trotzdem zu Lebzeiten eine gute Kinder-/Jugendzeit gehabt hat. Seine ihm beigelegten Grabschätze sind atemberaubend schön. Es reicht eigentlich, wenn man sein originales Grab besichtigen darf. Ich selber war schon drin und das Flair war unbeschreiblich erhaben. Eigentlich sollten von allen wichtigen Pharaonen Grabstätten Replikate, wie es sie schon vom Tut Grab, vom Sendjem und Sen-nefer Grab (Bürgermeister von Theben) gibt, erstellt werden und anschließend die Originalgräber geschlossen werden. Zum Schluß möchte ich nur noch an den Satz von Carter bei der Öffnung des Tut Grabes erinnern: “ Ich sehe wunderbare Dinge“ und einen anderen Ausspruch (nicht von Carter): „Jahrtausende sehen mich an“ wenn man 1000 Jahre zurückgeht befindet sich man bei König Otto 1. dem Großen. Nochmals unglaubliche 1000 Jahre rückwärts und man befindet sich in der Zeit Jesus und des röm. Kaisers Augustus und man hat erst die Hälfte der Zeit beschritten bis man in die Zeit von Tut anch Amun ankommt. Deshalb laßt alle Pharaonen in Frieden ruhen, so wie wir es uns auch wünschen.
    Ein Ägyptenbewunderer

  • Anne Hesmer

    Oha.Ein empfindliches Thema. Aber da scheiden sich die Geister. Wo ich allerdings zustimmen muss…. Ich glaube auch nicht dass Tut so seltsam aussah. Auch heute gibt’s zb Menschen mit größeren Zähnen und sie sehen nicht seltsam aus. (War eine Zeitlang in der Zahntechnik tatig.Da hat man sich teils Jobbedingt angewöhnt,auf sowas speziell zu achten 😉 ) Der Fuß von Tut ist kein Klumpfuß sondern da fehlt ein Knochen im Mittelfuß. Zudem sich ja die Knochen von innen heraus langsam zersetzten.krankheitsbedingt. Nun,ich schreibe derzeit einen Comic über ihn.Aber eher auch an Archäologische Erkenntnisse angelehnt. Diese ich aber noch abwäge,welche zb für mich annähernd plausibel sind und welche meiner Ansicht nach Käse sind. Michaela, die Sache mit dem Stoff hast du gut beobachtet. Denn diese wurden ja nicht nur plissiert sondern man trug sie ja auch mehrlagig. Außerdem in verschiedenen Wickeltechniken. Dadurch könnte der ein oder andere Hintern ein klein wenig fülliger ausgesehen haben. Aber um eine geringste Wenigkeit. Ct-Scans sind eine schonende Untersuchungstechnik, immerhin besser,als die Mumien ständig hin und her zu bewegen. Das man auch nicht alles pikgenau untersuchen und bestimmen kann,ist mir auch klar. Zumal sich solche Sachen wie DNA über die Jahrtausende verändern. 😉 Und was die Gesichtsrekon. anbelangt… Vergleicht mal die Rekons aus den USA, Frankreich von Tut miteinander. Das sieht sich kein Stück ähnlich. … Aber ist interessant wie da die Ansichten dieser Experten auseinander gehen.

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