In der Nord- und Westwand soll es laut Reeves geheime Durchgänge geben. Faksimile von Tuts Grab

Nofretes Grab? Reeves legt neue Indizien vor (Teil 2)

Dies ist der zweite Teil unseres Berichts über das neue Papier von Nicholas Reeves, das den Titel trägt: „The Decorated North Wall In The Tomb Of Tutankhamun (KV 62) – The Burial Of Nefertiti? II“. In unserem Teil 1 ging es um die auf der Nordwand dargestellten Szenen und Beschriftungen, von denen einige laut Reeves noch aus Phase I stammen, also der Zeit des Begräbnisses des Pharaos Anchcheperure Semenchkare-Djesercheperu, der in Wirklichkeit Nofretete war, die nach dem Tod ihres Mannes Echnaton selbst den Thron erklomm. In diesem zweiten Teil wird es nun um eine Revision der Radarergebnisse gehen sowie um Carters Versuch, hinter der Nordwand weitergehende Räume zu finden, und das Vertuschen der dabei von ihm angerichteten Schäden.

Die bisherigen Scans

Seit Reeves‘ erstem Papier im Jahr 2015, in welchem er seine Theorie vorstellte, dass das Grab Tutanchamuns in das größere Grab seiner Vorgängerin Nofretete gesetzt worden war und es hinter zwei Wänden der Grabkammer weitere Räume geben könnte, hatte es in und um Tuts Grab herum diverse Scanprojekte gegeben:

► 2015: Thermografie-Untersuchung durch Clemente Ibarra Castenedo (Scan Pyramids Project)

► 2015: GPR I (ground-penetrating radar, Bodenradar) durch den verstorbenen Hirokatsu Watanabe (Terra Information).

► 2016: GPR II (National Geographic)

► 2017: ERT I (electrical resistivity tomography, Geoelektrik), Francesco Porcelli (Polytechnikum Turin)

► 2018: GPR IIIa, Francesco Porcelli (Polytechnikum Turin)

► 2018: GPR IIIb, Charlie Williams, James Dunn (Terravision)

Nachdem das Ergebnis der ersten Bodenradaruntersuchung (GPR I) lautete, dass es in der Nordwand vermutlich physikalische Unterschiede gäbe und es dahinter möglicherweise Räume geben könnte, wurde ein zweites Radarteam beauftragt, um diese Ergebnisse zu überprüfen. Das zweite Team kam aber zu einem anderen Ergebnis: Sie konnten zwar nicht sicher sagen, ob es „Strukturen von archäologischer Signifikanz“ gäbe, schlossen aber Hohlräume definitiv aus. Eine dritte Untersuchung bestätigte dieses Ergebnis, so dass das Antikenministerium im Mai 2018 bekanntgab, dass man nun sicher sagen könne, dass es keine geheimen Kammern hinter den Wänden von Tuts Grab gäbe. Für Reeves war der Fisch damit aber noch lange nicht geschuppt…

Revision der Daten von GPR I und II

George Ballard, ein britischer Geophysiker und laut Reeves einer der führenden Fachleute in der Nutzung von Radar und anderen Scantechniken zur Untersuchung historischer Gebäude, war schon 2016 von National Geographic gebeten worden, sich die eigenen und die Daten der vorangegangenen Untersuchung von Watanabe einmal unabhängig anzusehen. Ballard arbeitete die Daten für sich neu auf, sah sich insbesondere die GPR II-Daten bis 60-70 cm Tiefe an, da diese die genauesten Ergebnisse lieferten, und kam zu den im Folgenden genannten Schlussfolgerungen. Vergegenwärtigen wir uns vorab noch einmal den Grundriss des Grabes.

Es geht um den Bereich hinter der unteren Wand der Grabkammer (Norden ist hier unten), wo die gestrichelten Linien andeuten, dass Reeves hier die Fortsetzung des Grabes der Nofretete vermutet. Dieser Bereich wurde sowohl von der Grabkammer als auch von der Schatzkammer aus gescannt. Dies sind Ballards Schlussfolgerungen aus seiner Betrachtung der Scanergebnisse:

► Die Westwand der Schatzkammer (zur Nordwand der Grabkammer hin gelegen) besteht aus natürlichem Kalkstein.

► Hinter dieser natürlichen Kalksteinwand der Schatzkammer liegt (im Bereich hinter der Nordwand) kein Hohlraum, aber auch kein solider Fels, sondern ein Gemisch aus unterschiedlichem Material.

► Die rechte Seite der Grabkammer-Norwand scheint aus verschiedenen Stücken unterschiedlicher Größe zusammengesetzt zu sein.

► Die linke Seite der Nordwand scheint dagegen aus solidem Kalkstein zu bestehen, der allerdings Sprünge hat.

Das Vorkommen unterschiedlicher Stücke im rechten Teil der Nordwand könnte bedeuten, dass dieser Wandteil „erbaut“ wurde. Watanabe hatte in GPR I hier einen Türsturz vermutet, Ballard weist aber darauf hin, dass die Datenqualität von GPR I nicht ausreichend sei, um das zu verifizieren. Bei GPR II deuten beide Scans, die der Schatzkammer-Westwand wie der Grabkammer-Nordwand, an, dass hinter den Wänden zwar kein Hohlraum ist, aber eben auch kein solider Fels sondern ein Materialmix.

Beide Scanteams (GPR I + II) hatten explizit nach Hohlräumen gesucht und man war davon ausgegangen, dass eine weitergehende Kammer sich eben auch als Hohlraum in den Scans zeigen müsste. Ballard weist aber zu Recht darauf hin, dass hinter blockierenden Wänden oft Schutt liegt. Carter stand nach der Öffnung des versiegelten Grabeingangs auch erst einmal vor einem mit Schutt gefüllten Korridor. Wenn also tatsächlich der rechte Teil der Nordwand eine gemauerte Wand vor einem weiteren Korridor ist, dann könnte auch dieser schuttgefüllt sein. Und wenn dieser Schutt aus dem Kalksteingröll besteht, das bei der Schaffung der Räume anfiel, dann wäre der Unterschied in den Scans, zwischen Geröll und natürlichem Kalkstein, nicht sehr groß.

Nach seinem Report für National Geographic über GPR I und II in 2016, sah sich Ballard aber auch die Veröffentlichungen über die nachfolgenden Scans an und fasst diese für Reeves‘ Papier wie folgt zusammen.

ERT I: zwei große Anomalien

Das italienische Team der Polytechnischen Universität Turin hatte im Tal der Könige, also von oben, mehrere Flächen mit einem geoelektrischen Scanverfahren (ERT, Electrical Resistivity Tomography) untersucht. Dabei zeigten sich in der Nähe von Tuts Grab zwei große Anomalien, die allerdings keine Verbindung zum Grab zu haben scheinen (wir berichteten). Wie schon GPR II, so bestätigt auch diese Untersuchung, ERT I genannt, dass es keine offenen Räume oder Korridore hinter den Wänden von Tuts Grabkammer gibt. Zugeschüttete Korridore allerdings kann auch dieses Verfahren nicht ausschließen, meint Ballard.

GPR IIIa: Bruch im Fels oder wandähnliche Fläche?

Auch GPR IIIa bestätigte wieder, dass es keine offenen Räume hinter den Wänden von Tuts Grab gibt. Obwohl man mit den entsprechenden Frequenzen arbeitete, mit denen man die ersten 30 cm der Wände intensiv untersuchen konnte, wurde von dem italienischen Team kein Versuch bekannt, einen Unterschied zwischen dem westlichen (linken) Teil der Nordwand, der wohl aus natürlichem Fels besteht, und dem östlichen (rechten) Wandteil herauszuarbeiten. Dabei hätte genau das die Frage klären können, ob der Aufbau dieses rechten Wandteils eben anders ist und vielleicht wirklich aus Steinen unterschiedlicher Größe besteht, also „aufgebaut“ wurde. Das Team scheint sich ausschließlich darauf konzentriert zu haben, eine plane Oberfläche in einem leeren Raum zu finden, wie sie eine Wand produziert hätte.

Und in der Tat stießen sie auf eine zwar unterbrochene, aber plane Trennfläche, die in „substanzieller Tiefe“ (was immer das bedeutet) parallel zur Nordwand verläuft, wobei diese nicht ganz senkrecht (90°) steht, sondern mit 80° ein wenig nach Norden (nach hinten) geneigt ist. Sie interpretieren diese Fläche aber nicht als Wandoberfläche, sondern als natürlichen Bruch im Felsen, der Teil eines gut erkennbaren, größeren Bruchsystems ist, das von West nach Ost verläuft.

Ballards Interpretation von GPR IIIa

Nach Ballards Meinung legen die Italiener hier zwei Annahmen zugrunde, die eben nicht gesichert sind. Erstens glauben sie, dass, weil es hier ein Bruchsystem gibt, die entdeckte Trennfläche auch ein Teil davon sein muss, und zweitens nehmen sie an, dass der Trennbereich zwischen zwei materialgleichen Kalksteineinheiten, die nur durch einen Bruch getrennt werden, sich tatsächlich in einer so starken Trennfläche im Radar manifestieren würde. Zusätzlich weist er noch darauf hin, dass es zwar theoretisch möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist, dass ein natürlicher Bruch exakt parallel zur Oberfläche der Nordwand verlaufen würde.

Ballard vermisst die Einbeziehung der Möglichkeit, dass es sich bei dieser Fläche auch um eine menschengemachte Fläche handeln könnte, die vielleicht dadurch entstand, dass der Bereich hinter der Wand mit Schutt verfüllt wurde, bevor man die Wand davor baute und verputzte. Wenn man man diesen Schutt kräftig komprimiert hätte, damit er den Raum hinter der Wand möglichst dicht abschließt und blockiert, dann hätte man zwar beim besten Willen keine senkrechte Fläche hinbekommen, es wäre mit Kalksteingeröll aber wohl ein steiler Hügel mit einer Steigung von ca. 80° erreichbar gewesen, meint Ballard. Vielleicht die 80°, die man nun auch im Radar nachweisen konnte.

Leider kann man mit den von den Italienern veröffentlichten Radargrammen keine erneute Analyse durchführen; das wäre nur mit den Originaldaten möglich, die Ballard aber nicht zur Verfügung standen. Die ihm bekannten Daten geben es aber seiner Meinung nicht her, daraus als einzig mögliche Schlussfolgerung abzuleiten, dass es weder parallel noch orthogonal (im rechten Winkel) zu den gescannten Wänden ebene Reflektionsflächen gibt, die man als Wände interpretieren könnte. Ballard sieht vielmehr in allen drei Radarscans sowie dem ERT die Möglichkeit, dass hier Räume oder Korridore liegen, die mit Schutt gefüllt sind. Nur: Danach hatte ja niemand explizit gesucht – und also auch keine gefunden…

Die bisher unbekannte „moderne Restaurierung“

Wie schon in Teil 1 berichtet, hatte das Getty Conservation Institute von 2009 an die Aufgabe, das Grab Tutanchamuns zu restaurieren (wir berichteten). Dabei war den Fachleuten auf der Nordwand eine große Fläche aufgefallen, die anscheinend schon früher einmal „bearbeitet“ worden war. Aber von so einer früheren Restaurierung gab es keinerlei Unterlagen. Carter hatte so etwas nie erwähnt und die Antikenbehörde Ägyptens hatte es nie in Auftrag gegeben. Wer hatte also wann und warum „Hand angelegt“ an die Bemalung der Nordwand?

Veränderungen an der Nordwand, © Factum Arte / Antikenministerium Ägypten

Factum Arte hat alle Veränderungen an der Nordwand bildlich dargestellt, bevor das Getty Institut 2009 mit seiner Arbeit begann. Die in moderner Zeit übermalten bzw. restaurierten Bereiche sind die pinkfarbenen Flächen im obigen Bild. Blau sind kleinere Schäden dargestellt, grün Risse und rot Injektionslöcher für Festiger.

Neue Knie für Tuts Ka

Die größte, in moderner Zeit übermalte Fläche liegt über den Beinen von Figur 5 und ist fast 1 qm groß (s.o.). Dass es sich hier tatsächlich um eine Neubemalung aus den letzten 100 Jahren handelt ist, erkennt man an zwei Indizien:

Dünner werdende Linien und gefälschte Schimmelflecken, © Factum Arte / Antikenministerium Ägypten

► Die braunen Flecken sind hier gar kein toter Schimmelpilz, sondern sie sind nur mit Farbe aufgemalt oder aufgespritzt worden.

► Den Pinsel, mit dem die Kniescheiben der Figur 5 gemalt wurden, gab es zu pharaonischer Zeit noch gar nicht. Er muss lange, weiche Haare gehabt haben, die eine Linie am Ende immer dünner werden lassen. Nirgendwo sonst im Grab kann man diese dünner werdenden Linien finden, nur an diesen Kniescheiben.

Um diese „Restaurierung“ datieren zu können, schaute sich Reeves die frühestmöglichen Fotos der Wand an. In den zwischen 1923 und 1933 veröffentlichten drei Bänden von Carters „Tomb of Tut.ankh.Amen“ gab es noch keine vollständigen Wandbilder, weil der goldene Schrein bis dahin noch in der Grabkammer stand. Erst 1932, nachdem alle Teile des Schreins nach Kairo abtransportiert waren, wurden Fotos der gesamten Wände gemacht, die heute den Kern des Tutanchamun-Archivs im Griffith Institute Oxford bilden.

Das entweder von Howard Carter oder von Harry Burton gemachte Foto p0879c zeigt den ursprünglichen Zustand der Nordwand, wie er vor der Übermalung war (siehe unten). Es wurde irgendwann zwischen 1932 und 1936 gemacht, denn vor 1932 stand ja noch der Schrein in der Grabkammer und aus dem Sommer 1936 existieren Fotos des Oriental Institute der Uni Chicago, auf denen die bereits „restaurierte“ Wand zu sehen ist.

Ursprungszustand, 1932-36 vor Restaurierung. © Griffith Institute, Oxford

Auf dem späteren Foto aus 1936 sind einige Brüche bzw. Risse verschwunden; hier war also wirklich restauriert worden. Die größten Unterschiede zwischen den Fotos aber zeigen Übermalungen bei Figur 5. Dabei beweist das frühere Foto (siehe oben), dass es im Bereich der Beine von Figur 5 überhaupt keinen Grund für eine Restaurierung gegeben hat. Im Gegenteil: Es ist beinahe der am besten erhaltene Bereich der ganzen Nordwand.

Ägyptologenarbeit: Streifen zählen!

Nach der Übermalung des Unterkörpers von Figur 5 sehen das Anch-Zeichen und die Faust, die es hält, etwas anders aus, auch sieht man dort heute viel mehr braune „Schimmel“-Flecken, die inzwischen ja als nicht echte sondern aufgemalte Flecken identifiziert sind. Bereits ansgesprochen wurden die dünner werdenden Linien der Kniescheiben, die 1936 zu sehen sind, die es auf dem früheren Foto so nicht gibt.

© links: Griffith Institute, Oxford, © rechts: Oriental Institute, Chicago, bearb. v. Nicholas Reeves

Der größte Unterschied aber – und der eindeutigste Beweis – sind die Anzahl der Streifen auf dem Schurz von Figur 5: ursprünglich waren es 24 Streifen, auf dem Foto aus 1936 aber kann man 27 Streifen zählen. Weder dem Getty Institut, noch den Mitarbeiten von Factum Arte war dies bisher aufgefallen. Erst Reeves war so gründlich, die Streifen nachzuzählen.

War Carter selbst der Künstler?

Die moderne Restauration wurde also mit großem Sachverstand durchgeführt und wirkt so überzeugend echt, dass sie all die Jahrzehnte hindurch unbemerkt blieb. Vieles deutet darauf hin, dass sie von Carter selbst durchgeführt wurde, der auch ein talentierter Künstler war und natürlich sowieso über den nötigen Sachverstand verfügte. Vermutlich geschah das im Jahr 1932, als die Grabkammer, vom Sarkophag abgesehen, endlich leer war, vermutet Reeves. 1932 war Carters letzte offizielle Saison und er bereitete sich darauf vor, einige kleinere Abstoßungen oder Abschleifungen zu reparieren, die bei den Abbauarbeiten des Schreins passiert waren.

Reeves ist sicher, dass auch Carter den Verdacht hatte, dass es hinter der Grabkammer weitergehen könnte und dass er, da er ja hinterher sowieso noch Schäden beseitigen wollte, einen heimlichen Grabungsversuch wagte. Da die linke Seite der Nordwand, wie wir heute durch die Radarscans wissen, aus massivem Fels besteht, ist es wohl ausgeschlossen, dass er hier irgendetwas fand. So findet sich dann auch keine Erwähnung in seinen Aufzeichnungen von einem Grabungsversuch oder der anschließenden Restaurierung der Stelle.

Richtiger Gedanke, falsche Seite

Dass die linke Seite massiver Fels ist, hätte man auch damals schon vermuten können, zum einen wegen der Felsnische unten links in der Wand, zum anderen wegen einer diagonal verlaufenden Quarzader. Dass Carter trotzdem diese Seite wählte, ist für Reeves aber dennoch nachvollziehbar. In dem für Königsgräber der 18. Dynastie üblichen Grundriss geht es nämlich in Raum „E“, der Brunnenkammer, auf der linken Seite weiter zu Raum F, wie man z.B. in den Gräbern von Amenophis II und III, Thutmosis III und IV oder Haremhab sehen kann. Was Carter aber bei seinem im Prinzip richtigen Gedanken, dass Tuts Grabkammer die Brunnenkammer eines weitergehenden Grabes sein könnte, nicht bedacht hatte, ist, dass es sich hier um ein Königinnengrab handeln könnte, da es ja nach rechts abknickt. Königsgräber dieser Zeit sind nach links abgeknickt und in ihrer Brunnenkammer geht es in der Regel auf der linken Seite in den nächsten Raum. Königinnengräber haben den Rechtsknick und es geht in Raum E meist auf der rechten Seite weiter. Carter hatte also einfach nur auf der falschen Seite gesucht, glaubt Reeves.

Neugier mit Folgen

Ob ihm dies selbst bewusst wurde, nachdem er auf der linken Seite nichts fand, kann niemand sagen, denn Carter selbst hat seine vergebliche Suche (natürlich) nicht dokumentiert. Wenn ja, dann wird es einen guten Grund gegeben haben, warum er auf der rechten Seite keinen weiteren Versuch unternahm. Vielleicht waren ihm die Zerstörungen zu groß, die er bereits auf der linken Seite verursacht hatte. Vielleicht war sein Zeitfenster für eine erneute Wandöffnung mit anschließender Reparatur auch nicht mehr groß genug. Aber es ist ebenso denkbar, dass er die Möglichkeit, dass es sich um ein Königinnengrab handeln könnte, nie in Erwägung gezogen hat.

Auch wenn man die Folgen, die seine Neugier hatte, natürlich nicht gutheißen kann, so kann man seine Motivation doch verstehen. Nicht-invasive Techniken gab es zu seiner Zeit eben noch nicht – Hammer und Meißel waren das Mittel der Wahl. Und mal ehrlich: Wie weit sind wir denn bisher mit unseren tollen Scantechniken gekommen? Auch nicht viel weiter als Carter – zumindest bis heute. Aber dafür ist eben auch noch nichts zerstört worden. Die Weigerung des Antikenministeriums, einfach ein Kameraloch in die Wand zu bohren, erscheint dadurch in einem neuen Licht. Und was könnte man schon sehen, wenn der Raum dahinter mit dicht gepresstem Schutt voll ist?
Letztlich kann man dankbar sein, dass Carter zumindest so professionell war und wenigstens ein Foto des Originalzustands der Wand machte, bevor er Hand daran legte, konstatiert Reeves. Nur durch dieses eine Foto können wir heute die Originalbemalung analysieren und Carters Gedanken und Handlungen nachvollziehen.

Natürlich gibt es keinen endgültigen Beweis, dass Carter tatsächlich einen Grabungsversuch an der Nordwand unternahm. Aber setzt man sein Wissen um das Wesen der Brunnenkammer voraus – und hierfür gibt es Belege von anderen Gräbern, die er beschrieb – dann ist es die vernünftigste Erklärung dafür, dass er anschließend einen fast 1 qm großen Bereich neu verspachtelte und bemalte, an dem vorher so gut wie keine Schäden zu sehen waren.

Schlussfolgerungen aus den neuen Hinweisen

Was laut Reeves heute noch von Phase I auf der Nordwand zu sehen ist, zeigt das untere Bild. Einige wichtige Details sind allerdings unwiederbringlich weg, z.B. die Frisur oder der Kopfschmuck von Nofretete in Figur 3 oder ein evtl. zusätzlicher Kopfschmuck von Figur 5, z.B. eine flache Geierhaube oder auch ein aufgesetztes Emblem (obwohl für letzteres kaum Platz ist). Ebenfalls verloren sind evtl. originale Beschriftungen (außer dem Schilfblatt in Ejes Kartusche) sowie Arm- und Handpositionen der übergemalten Figuren 3, 5, 6 und 7. Und auch evtl. zusätzliche Gegenstände, wie Opfertische o.ä. zwischen den Figuren 5 und 7, zwischen denen, ohne eine eingefügte Person 6, ja ziemlich viel Platz ist, sind heute nicht mehr nachvollziehbar.

Verbliebene Bemalungen aus Phase I nach Reeves, © Lily Jung

Evident ist nach Reeves‘ Meinung aber, dass es in Phase I offensichtlich drei Paare in drei Szenen gab, in denen jeweils Nofretete die Verstorbene darstellte. Dabei bezeugt Szene 1 den pharaonischen Status der Verstorbenen, denn eine Mundöffnungszeremonie hätte ein nachfolgender Pharao nur an Seinesgleichen, also an seinem Vorgänger (in diesem Fall Vorgängerin) vollzogen.

Die mumifizierte Verstorbene hält dabei in den Händen nicht den üblichen Krummstab und Geißel, sondern je eine Geißel in jeder Hand. Dass der Krummstab, das Herrscher-Zepter (heqa), hier fehlt, ist ungewöhnlich und könnte bedeuten, dass Nofretetes Macht als Pharaonin begrenzt war.

Die einfache, dreiteilige Perücke (statt einer formalen Krone) in Figur 5 könnte auch dorthingehend gedeutet werden. Ob das Auslassen einer Ka-Figur in Szene 3 auch so interpretiert werden kann, ist für Reeves noch unklar. Das könnte auch an der untergeordneten Bedeutung dieses Raumes im ursprünglichen Grab – für Nofretetes Begräbnis ja die Brunnenkammer – liegen, für den eine Ka-Figur unangemessen gewesen wäre.

Die wichtigste und spannendste Frage zur Nordwand ist aber: Warum war sie überhaupt an dieser Stelle? Der einzig sinnvolle Grund, warum in der Grabkammer von Tutanchamun einmal eine andere Person an der Wand gewesen sein kann, ist der, dass dieser Raum vorher auch eine andere Bedeutung hatte. Aber welche Bedeutung wäre das?

Was war die Grabkammer vorher?

Szenen analog zu dieser Mundöffnungszeremonie – allerdings von Priestern an Statuen des Verstorbenen durchgeführt – finden sich in späteren, königlichen Gräbern niemals in der Grabkammer selbst sondern stets in Korridoren, die dichter am Grabeingang liegen. Und Bildfolgen, die den verstorbenen König mit verschiedenen Gottheiten zeigen, sind in der 18. Dynastie auch selten in Grabkammern zu sehen, allerhöchstens auf Säulen, während sie dagegen oft in zwei anderen Räumen vorkommen: Raum E, der Brunnenkammer, und Vorraum I, der direkt vor dem Herzstück einer Grabanlage liegt. Interessanterweise wurde in beiden Räumen, E und I, der Durchgang in der dem Raumeingang gegenüberliegenden Wand nach der erfolgten Bestattung geschlossen und diese bemalt. Die Bemalung war dabei nicht nur eine reine Dekoration, sie diente auch dem Schutz der dahinterliegenden Räume, die nun zum einen göttlich geschützt, aber gleichzeitig auch ganz irdisch fest verschlossen waren und einem unerfahrenen Einbrecher vielleicht auch vermittelten, dass das Grab hier zuende war und nicht weiterging.

Mit ihrer relativen Nähe zum Grabeingang und dem etwas tieferen Boden passt Tuts Grabkammer allerdings viel besser zu Raum E als zu Vorraum I. Somit ist die wahrscheinliche Funktion dieses Raumes in Phase I die der Brunnenkammer gewesen, und das in einem rechtsabknickenden Grab, also einem Königinnengrab. Das muss auch Carter so gesehen haben, auch wenn dieser anscheinend von einem Königsgrab ausging und den Durchgang zum nächsten Raum deshalb auf der falschen Seite der Norwand suchte.

Nicholas Reeves hatte nun vor einigen Jahren, als die hochauflösenden 3D-Bilder von Factum Arte veröffentlicht wurden, genau den gleichen Gedanken, wie vermutlich damals Howard Carter, aber er glaubt eben an ein Königinnengrab, und zwar an das von Nofretete, die nach Echnatons Tod als Pharaonin regierte und der ja auch ein Großteil der in Tutanchamuns Grab gefundenen Grabbeigaben gewidmet waren. Und in diesem Fall würde es in der Brunnenkammer eben auf der rechten Seite der hinteren Wand in den nächsten Raum weitergehen. Dieser nächste Raum ist nicht leer, wie die Scans gezeigt haben, sondern wurde nach Reeves‘ Ansicht mit Schutt dicht gefüllt und dann zugemauert. Danach wurde die vorgemauerte Wand verputzt und mit 3 Szenen bemalt, die alle Nofretete darstellen, einmal in der Mundöffnungszeremonie durch ihren Nachfolger Tutanchamun, einmal mit der Himmelsgöttin Nut und schließlich mit dem Gott der Unterwelt, Osiris.

All dies geschah in Phase I, zum Begräbnis der als Pharaonin regierenden Nofretete, glaubt Reeves. Als Tutanchamun ca. 9 Jahre später überraschend starb, legte man ihn in das gleiche Grab, gestaltete Nofretetes Brunnenkammer um, indem man die drei freien Wände bemalte und passte die Szenen der einzig vorher schon bemalten Wand an den neuen Grabherrn an (Phase II).
Diese Theorie erklärt viele der Indizien und Unstimmigkeiten, die Reeves gefunden hat und die in einem Grab, das von Anfang an nur für Tutanchamun gemacht und dekoriert worden wäre, nicht schlüssig erklärt werden können. Insofern sind wir sicher, dass auch das Antikenministerium diese Theorie weiter untersuchen und überprüfen wird. Dabei werden sie vermutlich weiter auf nicht-invasive Methoden setzen. Die nächste Reihe von Scans wird also nicht lange auf sich warten lassen, glauben wir, und nach Ballards Aussagen könnten dies Scans sein, die sich speziell mit dem Wandaufbau der Nordwand und dem dahinter liegenden Bereich beschäftigen, um die Frage zu klären, ob die Wand tatsächlich auf der rechten Seite aufgemauert wurde und dahinter verdichtetes Geröll liegt. Warten wir es ab!

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21 Kommentar(e)

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  • margit

    Ich danke für den intensiven Artikel. Carter konnte damals noch keine anderen Möglchkeiten nutzen, um seinen Forscherdrang zu befrieden. Es ist schade, daß er Schäden angerichtet hat. Aber ich als Laie denke, daß es viel schlimmer ist, was Grabräuber, die Gänge unter ihren Häusern hatten, noch haben?, angerichtet haben und vernichtet haben. Cartes Forscherdrang verstehe ich und da sind eben die jetzigen Bewohner des Landes gefragt, die Schäden ausbessern zu lassen. Ich danke Dir ganz herzlich für die Infos aus dem Lande, was mich interessiert, was ich aber nie besuchen kann, da mir die Reisen einfach zu teuer sind.
    Freundliche Grüße
    margit

  • Jolly Thews

    Freut mich, wenn der Artikel Dir gefallen hat. 🙂
    Immerhin hat Carter den Schaden äußerst sachkundig wieder „repariert“. Wo wir heute wohl stehen würden, wenn er rechts gesucht (und gefunden) hätte!?!
    Es bleibt spannend…

  • Ahnungsloser Archäologe

    Bei aller Faszination für Reeves Theorie habe ich als Laie an jene Leser, die wahrscheinlich besser Bescheid wissen, folgende Frage? Gehen wir zunächst davon aus, das Grab war nur und ausschließlich für Nofretete bestimmt. Tutanchamun wird Pharao und alles läuft so ab, wie von Reeves vermutet. Warum sollte innerhalb des Grabes von Nofrete ein Durchgang (Nordwand) verschlossen werden, um dann darauf die Prozzesion darzustellen? Und was war dann ursprünglich in diesem Raum bzw. wozu diente er (jetzige Grabkammer Tut)? Das Grab wird doch nur am Eingang oder bestenfalls zur Vorkammer verschlossen. Oder wurden auch inmitten eines Pharaonen-Grabes mühsam erarbeitete Durchgänge wieder fein säuberlich verputzt und verschlossen?
    Anders herum, wenn Nofretete ursprünglich in Tuts Grabkammer lag, dann jedoch wegen dessen Tod in einen jetzt verschlossenen Nebenraum verlegt wurde, macht es doch keinen Sinn, diese frische verputzte Nordwand nochmal Nofretete zu widmen bzw. laut Reeves in zwei Phasen für Nofretete und Tutanchamun zu bemalen. Im Gegenteil, nach der Umbettung von Nofretete und dem Verschließen der Nordwand hätten sich die damaligen Künstler auf einer neuen, noch“jungfreulichen“ Wand wunderbar für Tutanchamun „austoben“ können. Und dann gäbe es für Nicholas Reeves leider eigentlich nichts zu interperetieren – was schade wäre! Irgendwie beißt sich hier die Katze in den Schwanz… Hat jemand ne Idee?

  • mckracken

    Das Grab und einige Grabbeigaben mögen ja für die Nofrete hergerichtet worden sein aber wieso sollte man sie heimlich dort bestatten??

    Zur Erinnerung: Das war die Hauptgemahlin vom grössten Ketzer den Ägypten kannte! Sein Vermächtnis wurde so gut es geht ausgelöscht. Das darf man wohl auch annehmen für den Leichnam des König’s und Nofretete’s. (siehe die geschändete Mumie aus KV35 – die der Büste verdammt ähnlich sieht)
    Das jetzt ausgerechnet die Priesterschaft (die von Echnaton verfolgt wurde) oder EJE der Ketzer Nofrete heimlich ein Grab bereitete ist doch total unlogisch.

    Wenn da was dahinter der Wand ist – und es soll ja organisch sein, dann sind das alte Leinenwickel und Utensilien für die Herstellung des Grabes von Tut Anch Amun.

  • Jolly Thews

    @ Ahnungsloser Archäologe: Deine Fragen werden eigentlich alle gegen Ende des Textes beantwortet hinter der Überschrift „Was war die Grabkammer vorher?“.

    ► Warum sollte ein Durchgang in Nofretetes Grab (die Nordwand) verschlossen werden?
    Antwort: Um den dahinter liegenden Bereich (und die Bestattete) zu schützen; 1. physisch (es versiegelte das dahinter Liegende), 2. durch den Schutz der darauf gemalten Götter und 3. durch ihre erhoffte Funktion als Blende, die signalisiert: Hier gehts es nicht weiter. Das Verschließen passierte direkt nach Nofretetes Bestattung und hatte mit Tutanchamuns späterem Begräbnis gar nichts zu tun.
    Es ist darauf auch keine Prozession dargestellt, sondern die Mundöffnungszeremonie, die der Verstorbenen für das Jenseits den Mund öffnete, damit sie atmen, essen und sprechen konnte. Außerdem sind Szenen darauf, in denen die Götter die Verstorbene begrüßen (und hoffentlich auch beschützen).

    ► Was war die Grabkammer vorher?
    Antwort: Nach Reeves‘ Überzeugung war es die „Bunnenkammer“ (englisch: „well“), des Grabes von Nofretete. Das ist in der Aufeinanderfolge von Gängen und Räumen in großen Gräbern der Raum, der mit E bezeichnet wird (A ist der erste hinter dem Grabeingang). Hinter diesem Raum ging es auf jeden Fall weiter. Wie weit, ist von Grab zu Grab unterschiedlich.
    Nofretetes Mumie hat nie in diesem Raum gelegen, sondern natürlich in ihrer eigenen Grabkammer, die mehr oder weniger weit hinter den Brunnenkammer lag. Insofern musste sie bei Tuts Begräbnis auch nicht „umgebettet“ werden, sondern liegt nach Reeves Überzeugung im besten Fall noch in der irgendwo dahinter liegenden Grabkammer ihres (größeren) Grabes.

  • Anubis

    Das muss man jetzt erst mal sacken lassen!
    Was mich interessiert, wo habt ihr nur immer diese Berichte her?
    Welche Quelle zapft ihr da an? Ich finde es ja genial. Nur nirgends wo anders liest man darüber etwas.
    Im uebrigen: Ich las das Buch Tutanchamun von Christine El Mahdy, da wird schon deutlich, dass es diese Ketzerei in der Intensität, wie sie jahrelang verbreitet wurde nicht so ganz passt. Das erkennt man u. A. auch an den Namen Nofretetes Töchtern und an Tuts Trohn. ( Rückseite) Für mich ist Echnatons Religion eher eine Empfehlung gewesen. Übrigens dürfte Tutanchamun Nofretetes Grab verantwortlich durchgedrueckt haben und nicht Eje.

  • Jolly Thews

    Viele Wissenschaftler veröffentlichen ihre Papiere auf academia.edu, so auch Nicholas Reeves. In diesem Fall hatte uns zusätzlich auch ein befreundeter Ägyptologe, Michael Habicht, auf die neue Veröffentlichung aufmerksam gemacht.
    Nicht vergessen darf man natürlich, dass wir auch den Forschern dafür danken müssen, dass uns die Allermeisten sehr gerne unsere Fragen beantworten und uns unterstützen. Auch Herr Reeves hat in diesem Fall sehr schnell und unkompliziert geantwortet, wenn wir etwas wissen wollten.
    Es haben übrigens durchaus auch andere Newsportale darüber geschrieben, wenn auch nicht so ausführlich wie wir. Also es kann nicht schaden, uns auf die ein oder andere Art zu „folgen“… 😉

  • Anubis

    Danke schönen. 😊

  • Sylvana

    Vielen Dank für diesen tollen Bericht.
    Ich finde das klingt schon alles nach einem Krimi für sich 🙂
    Bin so gespannt, ob es tatsächlich irgendwann zu einem Fund kommt. Denn wenn hinter dieser Wand eventuell das Grab von Nofretete versteckt ist (und sie auch noch in ihrmen Grab liegt), wer ist dann die „younger Lady“ aus KV35, die im ägyptischen Museum in Kairo als Nofretete ausgewiesen ist?

  • Anubis

    Letzter Stand: Kija! Tochter von Amenhotep III und Teje.
    Nach Gentest nachweislich Mutter Neb chuperu Re, Tutanchamun.

  • Walter

    Ich habe mich über diese Nachricht sehr gefreut, und möchte mich für den ausführlichen Bericht, ganz herzlich bedanken.
    Meine Gedanken gehen aber auch an Dean Goodman von National Geografic,
    “ Hinter dieser Wand ist nichts, und rein gar nichts als Fels “ Watanabes Gerätschaften und Reeves Indizien wurden sehr beleidigend ( von vielen ) durch den Dreck gezogen. Das hat mich damals sehr getroffen, obwohl es nicht gegen mich persönlich gerichtet war.
    Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Reeves völlig falsch lag.
    Leider kann Watanabe die Bestädigung seiner Arbeit nicht mehr Erleben.
    Auch mehrere deutsche Ägyptologinen bezogen gleich gegen Reeves Stellung.
    Von Zahi Hawass, möchte ich erst mal gar nicht reden.
    Ich freue mich sehr für Nicolas Reeves, daß er sich trotz heftigster Kritik, nich von seinem Weg abbringen ließ, der ihm jetzt ( offensichtlich ) ans Ziel geführt hat

  • mckracken

    „Ich konnte mir nicht vorstellen, daß Reeves völlig falsch lag.“
    Der lag schon öfters völlig falsch mit seinen Nofretete Grab Theorien!

    Wikipedia:
    Eine mögliche Alternative für den Verbleib der Mumie Nofretetes ist die Cachette von Deir el-Bahari. Diese Theorie wurde zeitweise von Nicholas Reeves bevorzugt[14], der mehrfach Theorien zur Begrabungsstätte Nofretetes aufstellte. So meinte er im Jahr 2000, mit Hilfe von Bodenradardaten ein neues Grab im Tal der Könige (15 Meter nördlich von KV63) ausfindig gemacht zu haben. Er bezeichnete es als „KV64“ und brachte dieses Grab der Radar-Anomalie 2006 mit Nofretete in Verbindung.[16] Grabungen unter Zahi Hawass ergaben keine Spur zu einem Grab an dieser Stelle.[17]

  • Monika Mangal

    Das ist schon allerhand, und sicher einige weitere Scans und hoffentlich auch Probebohrungen wert! Ob Carter sich wohl gerade an diesem besonderen Stück Mauer versuchte, weil er glaubte, der geringe Pilzbefall könne auf einen Hohlraum dahinter schließen? Unverständlich ist mir nur, warum er dann hinterher viel mehr neue braune Flecken auftrug, als vorher vorhanden waren. An einen Irrtum kann ich fast nicht glauben. Nicht, dass es jemandem während der folgenden siebzig Jahre aufgefallen wäre…
    Nebenbei gefragt, wurden die Farben in den verschiedenen Bereichen zufällig auch auf einen Unterschied in der Zusammensetzung (antik/modern) untersucht?
    Abschließend kann ich nur noch meine Hoffnung zum Ausdruck bringen, dass in der kommenden Wintersaison des Rätsels Lösung endlich gefunden wird.

  • Jolly Thews

    @ mckracken: Es ist die Aufgabe von Wissenschaftlern, Hypothesen aufzustellen und diese anschließend zu überprüfen. Dabei stellt sich dann manchmal heraus, dass die These falsch war und manchmal war sie richtig. Gute wissenschaftliche Arbeit kann das aber in beiden Fällen sein!
    Wichtig ist m.E., dass Forscher die richtigen Fragen stellen. Ob die Antwort dann ein Nein oder ein Ja ist (oder irgendwas dazwischen), ist sekundär, aber die Fragen müssen gestellt werden! Nicholas Reeeves kann (anders als anscheinend Howard Carter) seine Thesen nicht selbst mit Hammer und Meißel überprüfen, sondern ist auf das Antikenministerium Ägyptens angewiesen – und die können seeehr laaangsam sein. Aber er stellt definitiv die richtigen Fragen!
    Auch in dieser Sache haben wir schon einige Details erfahren, die bisher völlig unbekannt waren, und die nur dank seiner Hypothese und seiner Forschungsarbeit entdeckt wurden.
    Für mich ist er genau deshalb einer der größten Ägyptologen unserer Zeit. Und das unabhängig davon, ob diese Theorie vom Grab Nofretetes sich letztlich als richtig oder falsch erweist. Aber er hat die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt und alles dafür getan, sie zu beantworten. Ich ziehe meinen Hut vor seiner Forschung und wünsche mir mit ihm und vielen anderen Ägypteninteressierten natürlich, dass wir noch mehr über Nofretete und diese spannende Epoche Ägyptens herausfinden.

  • Jolly Thews

    @ Monika Mangal: Ob das Getty Institute die Farbzusammensetzung untersucht hat, oder wodurch sie sonst entgedeckt haben, dass es eine frühere Restaurierung gab, wird in dem Papier von Reeves nicht gesagt.
    Bzgl. des Schimmelbefalls könnte es aber genau anders herum sein: Reeves berichtet von einem Mitarbeiter von Factum Arte, der ihn darauf hinwies, dass der vermehrte Schimmelbefall auf der rechten Seite bedeuten könnte, dass dieser Bereich später und/oder mit mehr Mörtel belegt war und dadurch mehr und länger feucht war als der linke Bereich. Schimmel hätte dann dort bessere Wachstumsbedingungen gehabt.
    Wenn der rechte Bereich also zunächst „aufgemauert“ und dann anschließend verputzt wurde, dann wäre unter dem oberflächlichen Putz ja noch der zusätzliche Mörtel zwischen den „Mauer-Steinen“ gewesen. Und dieser Bereich wäre dann viel länger feucht geblieben, als der linke Teil, wo vielleicht nur eine dünne Putzschicht auf den Felsen aufgebracht werden musste, die entsprechend schneller trocknete.
    Warum Carter diese, von ihm restaurierte Stelle anschließend mehr „verschimmelte“ als sie vorher war, bleibt allerdings in der Tat rätselhaft. Wo er sich doch sonst bemühte, den vorherigen Zustand möglichst gut wieder herzustellen…

  • Monika Mangal

    @Jolly, danke für die zusätzlichen Infos. Dass zwischen der größeren Menge an Putz bzw. Mörtel und dem verstärkten Pilzbefall auf der rechten Seite ein Zusammenhang besteht, macht durchaus Sinn. Zu Carters anschließender übermäßiger „Verschimmelung“ im Bereich der Ka-Figur“ ist mir nachträglich noch eingefallen, dass er vielleicht einfach nur verhindern wollte, dass das Auge nachfolgender Betrachter zu sehr von dieser einzigen „unverschimmelten“ Stelle angezogen würde (so wie es anscheinend bei ihm selbst der Fall gewesen war) und seine ausführliche Restaurierungsarbeit an eben dieser Stelle nicht doch noch auffliegen würde. Frei nach dem Motto: Besser, alles sieht ungefähr gleich aus, dann guckt niemand so genau hin.
    Ist nur so ein Gedanke…

  • Jolly Thews

    Walter hat in einem Kommentar unter Teil 1 die Auffassung vertreten, dass in Phase I doch keine Eile geboten war und somit Putz und Farben doch genügend Zeit zum Trocknen gehabt haben müssten und nicht hätten schimmeln dürfen. Ich hole dieses Argument mal hier rüber zu Teil 2, weil es sich ja auf meine Information weiter oben bezieht.
    Natürlich hat er damit Recht. Der Factum Arte Mitarbeiter wies Reeves darauf hin, dass es im ältesten Foto der Wand rechts mehr Schimmelspuren gab als links, und meinte dazu, dass dann wohl der Mörtel frischer oder feuchter gewesen sein müsse. Reeves selbst hat dieses Argument ja nicht übernommen in seiner Argumentation.
    Natürlich müssten die Schimmelspuren eigentlich aus Phase 2 stammen, als Tuts Grabkammer „eilig“ hergerichtet wurde. Insofern müssten eigentlich die in Phase II übermalten Bereiche die größten Schimmelspuren aufweisen, weil nur hier die Farbe frisch war. Und laut Reeves waren das die Figuren 3, 5 und 6 sowie der gelbe Hintergund. Tatsache ist aber, dass auf der rechten Wandhälfte auch die Figuren 1 und 2, die ja aus Phase I stammen sollen, Schimmelflecken haben. Darauf kann ich mir im Moment auch keinen richtigen Reim machen, außer dass natürlich durch die Bemalung der drei restlichen Wände (und Teilen dieser Nordwand) eine große Menge Feuchtigkeit ins Grab kam und vielleicht dadurch auch die Bemalungen aus Phase I noch einmal feucht wurden. In dem Fall kommt aber noch einmal Fr. Mangals Gedanke neu auf, warum dann ausgerechnet die stark übermalte Figur 5 (Tuts Ka) so seltsam schimmelfrei war.
    Frau Mangals Gedanken, dass Carter diesen Bereich mit Schimmelspuren versah, damit seine Neubemalung nicht so auffiel, finde ich übrigens durchaus logisch.

  • Walter

    Zum einen, Wenn KV 62 schon mal unter Wasser gestanden hätte, dann gäbe es untrügliche Spuren.
    Zum anderen. KV 62 war sehr gut verschlossen, der Eingang mehrfach vermauert, und zwischen den Versiegelungen mit Schutt verfüllt,
    schon da wäre kein Wasser durchgekommen. Außerdem liegt die erste Vermauerung, soweit ich weiß ca. 8m unter dem Bodenniveau des Tales, dazwischen, komprimtertes Sedimentgeröll in allen Kalibern. Das alles war verdichtet fast wie Beton, da war kein durchkommen für so eine Sturzflut. Zusätzlich wurde der Eingang mit jeder Sturzflut noch stärker versiegelt und getarnt.

  • Wunderbar

    Guten Abend zusammen, zunächst einmal vielen Dank für die tolle ausführliche Übersetzung von Reevs these. Vielleicht habe ich es überlesen aber ich frage mich was die Radarergebnisse zu der vermuteten zweiten „Schatzkammer“ ergeben haben? Hier sollte schließlich nicht mit einem langen Gang zu rechnen gewesen sein und somit ein Hohlraum zu sehen sein.

  • Traugott

    Für eine umfassende Beurteilung von KV62 und speziell der Nordwand wird das Studium folgender Artikel empfohlen:
    Allen, James Peter. (1988): Two altered inscriptions of the late Amarna Period. JARCE 25: 117-26.
    Huber, M. Traugott. (2018a): The North Wall Tutankhamun KV62, Part 1: The New Interpretation. Nile Magazine 14: 9-23.
    Haas Dantes, Fabienne. (2018): The Tomb of Tutankhamun. The North Wall: Meaning and Symbols. Nile Magazine 15: 31-43.
    Huber, M. Traugott. (2018b): The North Wall Tutankhamun KV62, Part 2: Finding Nefertiti. Nile Magazine 17: 39-53.

    Reeves (2019) zweite Theorie betreffend KV62 wurde kritisch hinterfragt und verworfen in:
    https://www.academia.edu/40243114/Response_to_Nicholas_Reeves_The_decorated_North_Wall_in_the_tomb_of_Tutankhamun_KV62_The_Burial_of_Nefertiti_II_

  • Dr. Paul Höfer

    Moderne Techniken von Restauratoren nützen beispielsweise UV- und IR-Licht um Übermalungen an Gemälden sichtbar zu machen. Besteht nicht auch hier die Möglichkeit, zumindest an einigen der in Phase II übermalten Stellen die darunter liegenden Malereien wieder erkennbar zu machen?

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