Bildnis Amenophis II. im Karnak-Tempel

Amenophis II. verschollener Milchbruder Kenamun gefunden

Kenamun muss zu Lebzeiten ein bedeutender Mann gewesen sein. Sein Name und seine über 80 Titel findet man auf zahlreichen Denkmälern aus der Zeit Amenophis II. Seine Mutter Amenemipet war die Amme des Pharaos und Kenamun somit sein „Milchbruder“. Beide wuchsen gemeinsam auf und hatten wahrscheinlich schon von Kindheit an ein inniges Verhältnis. Kenamuns wundervoll dekoriertes Grab (TT93) wurde zwar in Theben-West gefunden, doch sein Sarkophag und seine Mumie galten lange Zeit als verschollen. Nun könnte seine Mumie wieder aufgetaucht sein und zwar in einem italienischen Kloster aus dem 14. Jahrhundert, in dem heute eines der ältesten Naturkundemuseum der Welt beherbergt ist.

Zumindest deuten alte Dokumente aus dem 19. Jahrhundert auf die Wiederentdeckung Kenamuns hin, die Marilina Betrò, Professorin der Ägyptologie an der Pisa Universität, ausgewertet hat. In einem Kloster in Calci, in der Nähe von Pisa, wurde vor zwei Jahren in einem Lagerraum ein Karton mit einem Skelett gefunden. Auf dem Schädel steht in schwarzer Tinte, dass dies eine der Mumien ist, die Europas erster Ägyptologie Professor Ippolito Rosellini nach Italien gebracht hat.

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Mit 1878 ägyptischen Altertümern im Gepäck nach Europa

Finanziert durch den Großfürst der Toskana Leopold II. und den König von Frankreich, Charles X., brachte ein Expedition aus französischen und italienischen Forschern mehrere antike Objekte nach Europa und starteten gleichzeitig eine Bestandsaufnahme von Ägyptens Altertümern, dessen Inschriften dank Champollion nun gelesen werden konnten. Bei der Expedition dabei war nicht nur Rosselini, sondern kein geringerer als der Entzifferer der Hieroglyphen selbst: Jean Francois Champollion.

Am 29.12.1829, zurück in Europa, schrieb Rosselini ein Bericht an Leopold II. Laut dem Bericht kam das Team mit 1878 Altertümern zurück in die Toskana. Davon wurden 660 ausgegraben und 1218 gekauft. Rosselini wählte die am besten erhaltenen Objekte aus, andere ließ er wegen den hohen Verschiffungskosten zurück.

Bis vor wenigen Jahren war nur der Entwurf dieses Briefes bekannt – ohne die Bestandsliste mit den verschifften Altertümern. Nun wurde das Original im National Archiv von Prag gefunden, wo alle Dokumente der Habsburg-Lorraine Familie aufbewahrt werden. Die Liste beginnt mit der Beschreibung von 11 Mumien. Sieben davon werden zur Zeit in Florenz‘ Ägyptischen Museum gezeigt. Drei weitere, die von einer Frau, eines Mannes und eines Kindes sollen laut der Liste zerstört worden sein. Doch was ist mit der 11. Mumie geschehen?

Das Rätsel der 11. Mumie

In seinem Bericht beschrieb Rosellini eine Mumie in einem schwarz bemalten Sarkophag mit gelben Hieroglyphen. Der Körper soll laut dem Bericht in seinen Bandagen intakt gewesen sein, doch die im Naturkundemuseum gefundene Mumie ist skelettiert und unbandagiert. Was also geschah mit der Mumie? Irgendwas muss auf dem Seeweg zwischen Alexandria und Livorno passiert sein, so die Vermutung von Betrò. Laut den Dokumenten von Rosselini muss das Handelsschiff „Cleopatra“ einen recht langen und stürmischen Weg hinter sich gebracht haben, was den Zustand der Mumie sehr verschlechtert haben könnte. Für eine Ausstellung war sie nun nicht mehr gut genug und der Großfürst könnte die Mumie zu wissenschaftlichen Zwecken seinem Freund Paolo Savi von Pisas Naturkundemuseum zur Verfügung gestellt haben. Nach dem Bericht Rosselinis verlor sich die Spur des schwarzen Sarkophages mit der Mumie.

Die Suche nach dem Sarkophag

Die Mumie war also anscheinend nach damaligen Ermessen nicht mehr gut genug, um in einem ägyptischen Museum ausgestellt zu werden. Doch was geschah mit dem Sarkophag? Wenn die anderen Sarkophage aus Rosselinis Expedition im Museum Florenz zu finden sind, könnte der verloren geglaubte doch durchaus auch dort noch irgendwo versteckt sein. Und tatsächlich fanden die Forscher im Florenzer Museum den von Rosselini beschriebenen schwarzen Sarkpohag mit den gelben Hieroglyphen. Wegen seines schlechten Zustands hielt man es damals anscheinend nicht für nötig ihn zu katalogisieren und so lag er viele Jahrzehnte fast vergessen im Magazin des Museums.

Nach sorgfältigen Untersuchungen dann die Überraschung: unter den gelben Hieroglyphen konnte der Inhaber des Sarkophages ausgemacht werden: „Gottesvater Kenamun“.

Wie kam die Mumie in ihrem Sarkophag nach Italien?

Während Rosselinis Expedition fanden die Forscher fünf intakte Gräber in der Nekropole. Zwei davon konnten zwischen der 18. Dynastie und Anfang der 19. Dynastie datiert werden. Beide Gräber wurden während der Abwesenheit Rosselinis und Champollions entdeckt, die sich zu der Zeit in Nubien befanden. Beide gaben strikte Anweisungen, alle intaken Gräber versiegelt zu lassen bis sie zurückkehren. Doch dies geschah nur bei einem Grab. Das andere wurde in deren Abwesenheit geöffnet und ohne die Funde darin zu dokumentieren geleert.

Unter den Grabbeigaben Kenamuns war wahrscheinlich auch ein Streitwagen, der heute ebenfalls im Museum Florenz ausgestellt ist. Einen ähnlichen Streitwagen fand man 1905 auch im Grab von Yuya und Tuya, Tutanchamuns Urgroßeltern und mehrere in Tutanchamuns Grab selbst. Der Streitwagen muss also einer bedeutenden Persönlichkeit gehört haben. Vermutlich lagen Streitwagen und Kenamuns Sarkophag zusammen in dem Grab, das die Arbeiter in Rosselinis und Champollions Abwesenheit öffneten, so Betròs Schlussbetrachtung.

Das rätselhafte Ende Kenamuns

Anthropologische Untersuchungen ergaben, dass der Mann zu Lebzeiten mit 176cm recht groß für einen Ägypter war. Er starb im Alter von ca. 30 Jahren. Die Todesursache des Mannes konnten die Forscher nicht feststellen. Die Knochen zeigen keine Anzeichen von irgendwelchen Krankheiten aber einer der Hüftgelenksköpfe war vergrößert und gedehnt. Dies könnte vielleicht durch holprige und schnelle Wagenrennen passiert sein, so der Anthropologe Francesco Mallegni.

So viel Glück Kenamun zu Lebzeiten gehabt haben muss, so viel Pech hatte er anscheinend nach seinem frühen Tod. Das Skelett wurde in dem Naturkundemuseum wahrscheinlich hängend ausgestellt. Zumindest lassen darauf Drähte schließen, die einige Knochen miteinander verbinden. Auch sein Grab wurde Opfer von Vandalen, die ihn ein geruhsames Leben nach dem Tod nicht gönnen wollten. Nachdem er zu Lebzeiten mit Titeln quasi überschüttet wurde, sind Bildnisse und Namen in seinem Grab ausgemeißelt worden. Kein einziges Abbild von Kenamun hat hier die Zeit überdauert.

Mumie und Sarkophag sind mittlerweile wieder vereint in einer Ausstellung im „Calci Charterhouse“ zu sehen.

Fotos des Sarkophages und der Mumie könnt ihr bei Discovery News finden

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  • werner schwarz

    manchmal ist es gut, keine wichtige person im alten ägypten gewesen zu sein.. 🙁 es ist eine interessante geschichte.. mit vielen fakten…danke vielmals..
    mfg

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