Die Mumien von Thutmosis I., Thutmosis IV. und der "Älteren Dame" aus KV35. Fotos: G.E. Smith, The Royal Mummies (1912), Copyright expired

Das Who-is-who der Mumien. Schweizer Studie sammelt Fakten

Königsgräber und königliche Mumien waren schon immer die aufsehenerregendsten Entdeckungen in Ägypten, seit Giovanni Battista Belzoni im Jahr 1817 das erste Grab im Tal der Könige entdeckte. In diesem heute als KV21 bezeichneten Grab lagen zwei weibliche Mumien, deren Identität bis heute nicht geklärt ist. In den 200 darauf folgenden Jahren wurden noch viele weitere Königsmumien gefunden und nur bei wenigen konnte die Identität zweifelsfrei ermittelt werden. Bei vielen Mumien gibt es dagegen nur Vermutungen, und die in der Vergangenheit durchgeführten Untersuchungen lieferten manchmal sogar widersprüchliche Ergebnisse.

Dort, wo es erlaubt wird, versuchen Wissenschaftler heute mit modernsten Untersuchungsmethoden, diese Vermutungen zu untermauern oder zu widerlegen. So ergab eine DNA-Untersuchung der männlichen Mumie aus KV55, dass es sich hierbei um den Vater Tutanchamuns handelt. Aber wessen Mumie ist das nun? Wirklich die von Echnaton, wie viele Ägyptologen glauben? Und wie authentisch ist Jahrtausende altes Genmaterial, wenn die Mumien durch Grabräuber und neuzeitliche Forscher vielleicht kontaminiert wurden?


Ergebnisse aus allen Bereichen zusammenführen

In einer neuen Studie tragen Wissenschaftler des Instituts für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich nun für insgesamt 14 Mumien all diejenigen Fakten aus früheren Untersuchungen zusammen, die zur Identifizierung beitragen könnten. Wie im Yearbook of Physical Anthropology zu lesen ist, stammen die Mumien im Fokus dieser Studie überwiegend aus der Ära der Thutmosiden, also der 18. Dynastie. Die Mumien von Tutanchamun und die der Eheleute Tuja und Juja sind die einzigen der 14 beteiligten Mumien, deren Identitäten zweifelsfrei feststehen. Bei den anderen 11 gibt es mehr oder weniger große Zweifel, um wen genau es sich handelt. In ihrer Studie wollen die Autoren die Erkenntnisse aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachgebieten zusammenführen und hoffen dabei auf Synergien, die bei der Identifizierung helfen können.

Archäologie

Die wichtigsten Erkenntnisse kommen natürlich aus der Archäologie. Insbesondere in den Fällen, in denen Mumien in ihren ursprünglichen Grabstätten, also „in situ“, gefunden wurden, konnte man anhand der Inschriften auf dem Sarkophag, dem Leichentuch, den Grabbeigaben oder an den Grabwänden die Identität der Toten eindeutig feststellen. Dies war bei Tutanchamun sowie bei Juja und Tuja der Fall. Aber viele Mumien wurden durch Grabräuber und Plünderer ausgewickelt, dabei oft beschädigt, Artefakte und Grabbeigaben gestohlen, Inschriften wurden herausgebrochen und Wandmalereien durch die spätere Nutzung der Gräber als Behausungen vernichtet.

Während mancher Epochen hatte man im alten Ägypten daher die Mumien früherer Königsfamilien aus ihren Gräbern geholt und zum Schutz vor Grabräubern zusammen in einem versteckten, gemeinsamen Depot, einer sogenannten Cachette, untergebracht. Bei Mumien aus geplünderten Gräbern hat man dabei die Einzelteile nach bestem Wissen wieder zusammengeführt und sie eventuell sogar in einen neuen oder fremden Sarkophag gelegt, wenn der ursprüngliche nicht mehr da war. Wenn Archäologen dann solche Cachettes fanden, konnten sie nicht sicher sein, welche Mumien denn hier genau gelagert wurden und ob der Name auf dem Sarkophag wirklich auch zu der darin liegenden Mumie gehörte.

Aber auch andere Informationen aus der Archäologie, z.B. die Inschriften auf historischen Bauwerken oder aus der Kunst, können zur Identifizierung beitragen. So werden Tutanchamun und seine Frau Anchesenamun auf einem Kalksteinblock aus Amarna als leibliche Kinder des Königs bezeichnet. Da man von Anchesenamun sicher weiß, dass sie eine Tochter Echnatons und Nofretetes war, muss nach dieser Inschrift also auch Tutanchamun ein Sohn Echnatons und damit der Bruder oder zumindest Halbbruder seiner Ehefrau gewesen sein. Aber gibt die Inschrift die Wahrheit wieder, oder wurde hier ein „gewünschter“ Sachverhalt in Stein gemeißelt, was im alten Ägypten durchaus geschah?

Anthropologie, Radiologie, Gesichtsähnlichkeit

Wichtige Hinweise können auch die körperlichen Merkmale der Mumien geben. Gesichts- und Schädelformen sowie die Kochenlänge der Extremitäten können Ählichkeiten und mögliche Verwandtschaftsverhältnisse verraten. Auf Röntgenbildern geben die Form der Beckenknochen Hinweise auf das Geschlecht, und die Verknöcherung der Epiphysenfugen verraten das ungefähre Alter. Auch der Abnutzungsgrad der Zähne lässt Rückschlüsse auf das Alter zu.

Blutgruppen, Haare, Genetik

Dort, wo man Gewebeproben zur Verfügung hat, können Blut- oder Genuntersuchungen Aufschlüsse geben. So hatten Tutanchamun und die Mumie aus KV55, die vermutlich Echnaton ist, die gleiche Blutgruppe A2 mit dem Genotyp MN. Das könnte sie aber auch zu Brüdern machen und nicht nur zu Vater und Sohn – oder aber es ist ein reiner Zufall.

Eine Haarlocke aus Tutanchamuns Grab, die von Königin Teje stammt, Tuts vermutlicher Großmutter, wurde verglichen mit dem Haar der sogenannten „Älteren Dame“ aus dem Grab KV35 und stützte die Erkenntnis, dass es sich bei dieser Mumie um Königin Teje, die Ehefrau Amenhoteps III. und Mutter Echnatons handeln könnte.

Sichere Erkenntnisse über Verwandtschaftsverhältnisse könnten natürlich DNA-Tests liefern. Es ist aber umstritten, wie aussagekräftig solche Ergebnisse sind. Die DNA organischer Stoffe zerfällt mit der Zeit, wie eine Untersuchung an Papyrus bewies. Und eine andere Studie zeigte, dass sich an allen dort untersuchten Gewebeproben von Tieren auch menschliche DNA nachweisen ließ. DNA-Proben können also auch „kontaminiert“, also mit fremden DNA-Spuren versehen, sein.

Teile des Puzzles

Wenn man die Ergebnisse aus all den vorgenannten Disziplinen zusammenführt, ergeben sich Indizien, die sich manchmal widersprechen und sich in anderen Fällen gegenseitig stützen. Auf jeden Fall tragen sie zu einem besseren Überblick bei. Es ist wie bei einem Puzzle: Manche Teile passen zusammen und manche nicht. Aber je mehr Teile man nebeneinander legt, desto eher erschließt sich einem das Gesamtbild, auch wenn die Teile noch nicht ganz richtig zusammengefügt sind.

Genau das will man mit dieser neuen Studie erreichen: alle verfügbaren Puzzleteile nebeneinander legen und schauen, welches Bild sich daraus ergeben könnte.

In loser Folge wollen wir euch in den nächsten Wochen einzelne Fälle aus dieser Studie vorstellen, bei denen die Schweizer Forscher die interdisziplinären Fakten zu den jeweiligen Mumien zusammengetragen haben und nach deren Auswertung sie bei zwei Mumien eine Korrektur der bisherigen Identität vorschlagen.

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  • Anne Hesmer

    Das ist ein äußerst interessantes Thema. Leider sind auch schon viele Mumien für immer verschwunden. (Wegen Raub ..Zerstörung ect) aber wenn die Archäologen es tatsächlich schaffen sollten,die wahren Identitäten der schon entdeckten Mumien (und der noch zu entdeckenden) heraus zu finden, wäre genial. Klar ..es ist wie schon treffend beschrieben, ein endloses Puzzle. Aber eins dass die Spannung steigen lässt. 😀 ich drück den Archäologen auf jeden Fall die Daumen.

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