Mit Hilfe von Google Earth versuchen Organisationen Gebiete ausfindig zu machen, die wegen Raubgrabungen mit Löchern übersät sind.
Die drei Pyramiden von Gizeh
© Google Earth

Ausverkauf der Altertümer – Ägypten überwacht eBay & Co

Ausverkauf bei Ägyptens Altertümern – Durch die unsichere politische Lage in Ägypten können Grabräuber im Moment mit Leichtigkeit archäologische Objekte aus dem Land schmuggeln. Während so große Auktionshäuser wie Christie’s oder Sotheby’s immer einen Nachweis über die Herkunft der Objekte vorgelegt bekommen möchten, haben die Hehler bei der Internet-Auktionsplattform eBay kein Problem, die Ware unters Volk zu bekommen. Mittlerweile ist ein ganzes Team von ägyptischen Angestellten damit beschäftigt, die Auktionsplattform nach geschmuggelten Objekten zu durchforsten.

Leiter dieses Teams ist Ali Ahmed Ali, der dem Online-Dienst The Daily Beast Einblicke in seine Arbeit gewährte. Er zeigt auf seinem Bildschirm einen Kalksteinblock mit Hieroglyphen, der bei eBay für $13 500 (9 930 €) verkauft wird. Der amerikanische Händler hat keinerlei Nachweise hinterlegt, ob er das 1300 Jahre alte Objekt legitim erworben hat. Während für die Händler nur der schnöde Mammon zählt, könnte das Objekt für einen Archäologen ein wichtiges Puzzlestück für die Datierung und Fundort eines Grabes sein. „Nun ist es verloren“, registriert Ali verzweifelt und trägt das Stück in einer langen Liste ein.


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Die Palette an Altertümern, die wahrscheinlich illegal aus Ägypten geschmuggelt wurden und nun bei eBay angeboten werden, ist lang. Laut Daily Beast reicht sie von prädynastischen Keramiken aus der Zeit um 4000 v. Chr. aus Luxor bis zu einer 2700 Jahre alten hölzernen Mumienmaske aus dem Nildelta. Die Preise gehen von $1000 (735 €) für griechisch-römische Münzen (250 n. Chr.)  bis zu $25 000 (18 387 €) für einen verzierten Sarkophag-Deckel. Verkäufer stellen ihre Waren aus allen Ländern der Welt ein.

Schätzungsweise 4000 Objekte über eBay verkauft

Seit September letzten Jahres hat das Team ungefähr 450 gestohlene Objekte bei eBay registriert. Die Archäologin Monica Hanna, die für den Schutz von Ägyptens Altertümern kämpft, schätzt die Zahl ungleich höher. Seit der Revolution im Jahr 2011 sollen es um die 4000 Objekte gewesen sein, die über das Auktionshaus angeboten wurden. Hanna ist sich sicher, dass ein Großteil der Artefakte aus Ägypten illegal bei eBay versteigert wird. Bei den großen Auktionshäusern wie Christie’s und Sotheby’s ließe sich mit solchen Objekten – vorausgesetzt man hat einen entsprechenden Herkunftsnachweis – viel mehr Geld machen, so Hanna.
Doch auch bei Christie’s, Sotheby’s & Co finden sich immer wieder illegal aus Ägypten geschmuggelte Objekte, die den Auktionshäusern mit sorgsam gefälschten Dokumenten untergejubelt werden. Selbst Museen sind davor nicht gefeit, wie kürzlich berichtet.

Mohamed Abdel-Maqsoud, Leiter des Ancient Egyptian Department, spricht von fast 2200 dokumentierten Artefakten, die seit 2011 gestohlen wurden. Die Dunkelziffer wird wahrscheinlich viel höher sein, da Raubgrabungen an undokumentierten Stätten in Ägypten mittlerweile an der Tagesordnung sind. Auf der Suche nach dem schnellen Geld werden von allen Gruppierungen Ägyptens – vom einfachen Fellachen bis hin zu organisierten Banden – unzählige Löcher in Ägyptens Wüstensand gegraben, die man selbst auf Satellitenbildern noch erkennen kann. Letztes Jahr kam das Mallawi Museum in Mittelägypten in die Negativ-Schlagzeilen, als eine Bande von bewaffneten Dieben das Museum um fast 2000 Objekte beraubte und den Rest in Schutt und Asche legte. The Daily Beast schätzt den Verlust Ägyptens aus den Diebstählen auf $3 Billionen (!)

Armut führt zu Raubgrabungen in Ägypten

Die Gründe für die Diebstähle und Raubgrabungen sind vielfältig. An erster Stelle steht sicherlich die Armut der Ägypter, die durch die unsichere Lage und die wegbleibenden Touristen ausgelöst wurde. Der Analphabet Ahmed Sayyed, 25, Taxifahrer und Gelegenheits-Touristenguide, rechtfertigt sich in „The Daily Beast“, er würde es für seine drei Kinder tun. Er träumt von seinem eigenen Haus, das er sich von den gestohlenen Altertümern leisten möchte. „Jedermann tut es. Es sind keine Jobs da, kein Geld, nach der Revolution“.

Sayyed wurde von einer organisierten Bande angeheuert. Große lokale Geschäftsfamilien kommen in die Städte und heuern arbeitslose Anwohner für 100 LE (10,30 €) bis 300 LE (30,90 €) pro Tag für Grabungen an, oft auf Ländereien, die ihnen selbst gehören. Das mag für unsere Verhältnisse nicht viel sein. Für einen Durchschnittsägypter, der gerade einmal 150€ im Monat verdient, ist es jedoch eine Stange Geld. Daher scheuen viele auch nicht die Mühen und (unheilvollen) Gefahren, die solche Raubgrabungen mit sich bringen.

Angst vor Dschinns größer als vor den Behörden

Sayyed wurde in das Gebiet Sharqiya im Nildelta geschickt, wo noch unentdeckte Schätze vergraben sein sollen. Die zwielichten Männer beauftragten ihn, dort ein 4m tiefes Loch zu graben. Als Arbeitsausrüstung drückten sie ihm einen Schutzhelm und eine Spitzhacke in die Hand.

Eine Gruppe von acht Menschen grub Tag und Nacht, so Sayyed. Gestört wurden sie dabei anscheinend nicht, was wahrscheinlich an den mit Kalaschnikovs bewaffneten Bodyguards lag. Die Ausgräber wurden von einem lokalen Scheich begleitet, der „fühlen“ sollte, wo sich die antiken Gräber befinden und dafür 20% der Einnahmen erhielt. Solche Scheichs sollen auch die Dschinns abhalten, übernatürliche Wesen, die laut einem alten Aberglauben die antiken Gräber bewachen sollen. Die Grabräuber fürchten sich vor den Dschinns mehr als vor den ägyptischen Behörden, so Sayyed. Doch auch die Gefahr vor weltlichen Dingen gräbt immer mit. Wenn sie einen Tempel dort gefunden hätten, dann wären sie vielleicht getötet worden, damit sie niemandem von der Entdeckung hätten erzählen können, so die Befürchtung von Sayyed.

Auch das Ausgraben selbst birgt Gefahren. Der Kamelführer Alaa Aly erzählt von einem Cousin, der 2009 gestorben ist, als eine illegal ausgegrabene Stätte über ihm kollabierte. Vier Tage brauchten sie, um ihn wieder rauszuholen. 20 Kinder kamen laut Monica Hanna bisher bei illegalen Ausgrabungen ums Leben.

Experten der Archäologie begutachten das Diebesgut

„Salma“, eine 50 Jahre alte Frau aus Kairo kontaktiert Finder und Verkäufer, die die Objekte außer Landes schmuggeln sollen und die laut ihren Aussagen oft online weiterverkauft werden. Die Geschäfte würden unter den wachsamen Augen von schwer bewaffneten Bodyguards gemacht, erzählt sie „The Daily Beast“. Beide Seiten brächten gut bezahlte archäologische Experten mit, die den Wert der Objekte schätzen sollen und die sich wahrscheinlich damit auch noch ein nettes Taschengeld hinzuverdienen.

Und leider ist auch hier Bestechung und Vetternwirtschaft in Ägypten wieder das große Problem, zumindest wenn es stimmt, was die die Dame behauptet. Die Grabräuberfamilien des ganzen Landes sollen sich demnach mit den Zentralen in der Hauptstadt koordinieren, die wiederum Kontakte zu den Sicherheitskräften, zu Diplomaten und Ministerien hätten und so die Objekte ohne Probleme außer Landes schaffen könnten. Angeblich sollen die Strippenzieher Mitglieder der Mubarak Familie sein, zusammen mit einigen großen Namen von Mitarbeitern des ehemaligen Antikenministeriums unter Mubarak, so ihre Behauptung weiter.

Die Altertümer würden dann zusammen mit anderen Waren in Lastwagen, Schiffen oder einfach im Gepäck eines Reisenden über den Flughafen außer Landes geschmuggelt, sagt „Salma“. Es gäbe zwar auch einen einheimischen Markt, aber das große Geld würde sich am besten in Europa, in der Golfregion und im Nahen Osten machen.

Ägyptens Altertümer können in den USA nicht beschlagnahmt werden

Und anscheinend insbesondere bei eBay USA. Diese versicherten auf Rückfrage von „The Daily Beast“, sie würden alles untersuchen, was „Bedenken“ auslöst. Schon über 100 Objekte wurden auf Antrag der ägyptischen Botschaft in Washington gelöscht. Doch eBay selbst tut sonst nichts. Die Verantwortung, illegal außer Landes geschaffte Objekte dort aufzufinden, liegt weiterhin bei den Ägyptern.

Im März erst hat Antikenminister Mohamed Ibrahim die US-Regierung bei einem Besuch darum gebeten, Einschränkungen beim Import von Antiquitäten zu erlassen. Zur Zeit kann das „Immigration and Customs Enforcement“ (Einwanderungs– und Zollbehörde in den USA) bei einer nicht ausreichenden Dokumentation Artefakte von 16 Nationen beschlagnahmen –  doch Ägypten gehört nicht dazu. Diesen Monat soll in den USA darüber entschieden werden, ob die Ausfuhr von ägyptischen Altertümern in die USA erschwert werden soll. Monica Hanna hat eine Petition dazu ins Leben gerufen. Zur Zeit fehlen noch 207 Unterstützer. Also bitte alle fleißig mitmachen!

Man darf davon ausgehen, dass wahrscheinlich auch in Deutschland geschmuggelt und verhökert wird. Und während die Amerikaner eine recht seltsam anmutende Einfuhrbestimmung haben, können wir mit einem abstrusen Kulturrückgabegesetz „punkten“. Da muss sich also noch einiges, nicht nur in den USA, ändern. Und natürlich muss sich die Sicherheitslage und die Situation der Menschen in Ägypten verbessern, damit die Altertümer gar nicht erst bei eBay und anderen Auktionshäuser landen. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg und der Ausverkauf von Ägyptens Altertümern wird vorerst weitergehen und aller Voraussicht nach auch nie ganz eingedämmt werden. Die offizielle Grabungssaison geht irgendwann zuende – die inoffizielle nie.

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